Liebe Freunde der Stadtbibliothek Salzgitter. Wir haben lange gezögert, ob wir folgende Geschichte wirklich in unserem Blog erzählen wollen, ist doch die Gefahr, dass sie Nachahmer findet groß. Aber wir vertrauen Ihnen vollkommen. Also:
Joe Orton war ein britischer Dramatiker, der zusammen mit seinem Freund Kenneth Halliwell, einem Schauspieler und Schriftsteller, in einem kleinen Appartment in London lebte. Anfang der 1960er Jahre waren sie mit dem Buchbestand ihrer Bibliothek in Islington absolut unzufrieden und beschlossen, sich dafür zu rächen. In großem Stil klauten sie Bücher und schlachteten einen Teil davon aus, d.h. sie schnitten besonders schöne Bilder aus und machten daraus in ihrem Schlafzimmer Collagen; “Guerilla Artwork” könnte der Fachausdruck für diese Kunstrichtung lauten.
Aber das reichte Ihnen nicht aus; sie gingen noch einen Schritt weiter und veränderten das Aussehen der Bibliotheksbücher, indem sie Bilder auf die Schutzumschläge klebten, die dort absolut nicht hingehörten. (Beispiel 1, Beispiel 2).
Weiterhin schrieben sie Buchbesprechungen, die vor Obszönitäten nur so wimmelten und klebten diese ganz vorn in die Bücher ein. Mit diesen veränderten Büchern schlichen sie sich wieder in die Bibliothek von Islington ein und platzierten sie irgendwo auf Tische und in Regale. Dann begann für die beiden die Zeit des Vergnügens: Sie beobachteten wie Bibliotheksbesucher die “verschönerten” Bücher in die Hand nahmen, die eingeklebten Besprechungen lasen und puterrot wurden; so etwas Obszönes hatten sie noch nie gesehen.
Orton und Halliwell gingen zufrieden nach Hause, denn für sie hatte sich der Aufwand gelohnt.
Als die Bibliothekare die Veränderungen an ihren Büchern merkten, waren sie nicht “amused”. Bald richtete sich ihr Verdacht auf die beiden Männer und sie stellten ihnen eine Falle, in die die beiden auch tappten.
Die Polizei stellte fest: Orton und Halliwell hatten 72 Bücher geklaut und 1,653 Bilder aus Bibliotheksbüchern herausgeschnitten; außerdem hatten sie noch Überziehungsgebühren zu bezahlen (sie klauten nicht nur, sie liehen auch richtig aus!). Die Strafe: 6 Monate Gefängnis und da hörte auch bei ihnen der Spaß auf.
Wenn man Bibliotheksbücher so behandelt, kann das nicht gut gehen: Kenneth Halliwell schlug seinem Freund Joe Orton später den Schädel ein, anschließend brachte er sich selbst um. Ob die Kolleginnen und Kollegen der Islington Library auf Grund dieser Nachricht eine Flasche Sekt öffneten, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall hat man die verunstalteten Bücher behalten und sie sind nach wie vor dort anzusehen.
R.I.B.
