E-Books in Bibliotheken – ein Politikum

Seit 2008 kennt man in Salzgitter die Möglichkeit digitale Medien einfach herunterzuladen. Davon wird auch rege Gebrauch gemacht. Nur manchmal erahnen die Kunden, dass die Leihe von E-Books doch nicht so einfach ist. Das äußert sich in Fragen wie: „Warum kann ich den Spiegel nicht auf mein iPad ziehen?“, „Warum muss ich mich bei Adobe anmelden, ich bin doch schon Kunde der Bibliothek?“ oder „Warum kann ich das Hörbuch nicht auf meinem mp3-Player/Smartphone hören?“

Im Hintergrund läuft, wie so häufig, ein Wirtschaftsthriller auf mehreren Ebenen – die Bibliotheken kommen da jedoch kaum vor, obwohl sie stark betroffen sind.

Die Digitalisierung der Musik, die vor gut einem Jahrzehnt nicht mehr aufzuhalten war, brachte die Musikindustrie in arge Bedrängnis. Die alten Absatzzweige brachen weg und eine digitale Antwort war kaum vorhanden. Gegen Napster und Co zog man lieber vor Gericht als eigene Angebote zu schaffen oder zerstörte mit Rechtemanagementapplikationen die gekauften CDs. Apple brachte mit seinem itunes Store damals die Erlösung gegen die Piraterie. Doch der Markt hat sich gewandelt. Gruppen wie „Deichkind“ erzielen 80% ihrer Einnahmen heute über die Auftritte – der Trägermarkt hat seine alte Dominanz eingebüsst. Die Auswirkungen werden noch immer diskutiert.

Und bei Büchern? Hier beginnt gefühlt das gleiche Spiel von vorn! Ein mehrere hundert Seiten starkes „Nur-Text-Buch“ bringt es auf etwa ein Megabyte – viele Bücher passen damit sogar noch heute auf eine Diskette! Für ein Lied bekommt man ca. drei Bücher. Die Urheber und Verwerter (Verlage) sehen, wie die Musikindustrie, ihre Pfründe schwinden. Nun könnte man glauben, aus der Musikindustrie gelernt zu haben. Doch gerade Kunden von Bibliotheken sehen, dass das scheinbar nicht ganz gelungen ist. Bücher sind mit einem Rechtemanagement versehen. Hörbücher funktionieren nur mit einem ganz bestimmten Audioplayer, der mobil jedoch kaum verfügbar ist und die Zeitschrift „Der Spiegel“ kann zwar käuflich auf einem iPad erworben werden, leihen kann man ihn jedoch nicht. Große Verlage, wie Hugendubel, arbeiten gar nicht mehr mit Bibliotheken zusammen und bauen lieber ihr eigenes Leihportal – das aktuell auch nur für iPad-Besitzer funktioniert.

Versandbuchändler „amazon“ liefert gleich ein eigenes Format aus, das sich über günstige E-Reader refinanzieren soll, weswegen es auch nur dort funktioniert. Was würden Sie sagen, wenn der Buchhändler Ihnen das Buch nur dann verkauft, wenn Sie es nur in seinen Räumlichkeiten lesen dürften? Mit einem Kindle funktionieren die Standards wie ePub nicht, damit auch nicht unser Angebot.

Aber es geht auch viel einfacher! Piratenseiten bieten nicht nur Bestseller tagesaktuell an, bei einigen Portalen bekommt man auch die tägliche Zeitung oder das Monatsheft – ohne irgendwelche Einschränkungen und dann auch noch kostenfrei über einen Filehoster. Mit jeder weiteren Beschränkung werden die Kundenzahlen dort wachsen.

Und die Bibliotheken? Die stehen mittendrin. Unser Geld nimmt man gerne, aber bitte keine Ansprüche stellen. Dieses Problem gibt es nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. So muss in den USA bei einem bestimmten Verlag nach 26 digitalen Ausleihen eine neue Lizenz gekauft werden. Der Verlag geht halt davon aus, dass in der realen Ausleihe ein Werk auch nicht länger halten würde. Das nicht nur in Salzgitter sondern auch in US-amerikanischen Bibliotheken viele Bücher sogar nach dreistelligen Ausleihzahlen nutzbar sind, interessiert den Verlag nicht – er bestimmt die Regeln. (http://ebook-fieber.de/e-books/e-books-us-bibliothekare-uben-den-aufstand/)

Doch auch Bibliotheken sind weltweit organisiert – in der IFLA, der „International Federation of Library Association“.

Die IFLA hat nun auch in deutscher Sprache Stellung genommen zur E-Ausleihe: http://www.ifla.org/files/clm/publications/ifla_background_paper_e-lending_de.pdf. Sicher keine  einfache Lektüre, aber das komplexe Thema passt nicht in einen Dreizeiler. Die Bibliotheken möchten Ihnen auch in Zukunft die ganze Breite des Angebotes bieten, deswegen ist diese Lobbyarbeit dringend nötig. (ScG)

6 Antworten zu “E-Books in Bibliotheken – ein Politikum

  1. Reblogged this on Blog Bücherei St. Martin Rheinbach und kommentierte:
    Dem können wir uns nur anschließen. Bei uns gibt es zwar bisher keine Onleihe, aber die beschriebenen Probleme für Bibliotheken sind ein Grund, warum wir noch nicht begonnen haben. Der andere liegt in der Finanzlage.

  2. Pingback: Öffentliche Bibliotheken und der Ärger mit den E-Books | Nachrichten für öffentliche Bibliotheken in NRW

  3. Pingback: E-Books in Bibliotheken | Blog der Stadtbücherei Kamp-Lintfort

  4. Pingback: E-Books in Bibliotheken – ein Politikum, die 2.te | Blog der Stadtbibliothek Salzgitter

  5. Pingback: EBooks in Bibliotheken – ein Politikum, die 3. (EU-Version) | Blog der Stadtbibliothek Salzgitter

  6. Pingback: Öffentliche Bibliotheken und der Ärger mit den E-Books | Nachrichten für öffentliche Bibliotheken in NRW

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