Hörspiel oder Hörbuch – das ist hier die Mwst.-Frage

Schon vor einiger Zeit berichtete ich über den Sinn und Unsinn der Mehrwertsteuer: https://stadtbibliotheksalzgitter.wordpress.com/2012/07/15/das-mehrwertsteuerquiz/

Die Parteien sprachen sich vor der letzten Bundestagswahl für einen einheitlichen Mehrwertsteuersatz für Bücher aus (http://www.bibliotheksverband.de/dbv/themen/bundestagswahl-wahlpruefsteine/digitale-medien.html) und versprachen gar noch mehr. Auch Hörbücher sollten ermäßigt werden. Auf einer Fraktionssitzung der geschäftsführenden Vorsitzenden von SPD und CDU klang das Ende April so:

Steuersatz für E-Books und Hörbucher: deutliches kulturpolitisches Zeichen

„Der Beschluss, auch auf Hörbücher den ermäßigten Mehrwertsteuersatz anzuwenden, stellt eine logische Anpassung an die zunehmende Verbreitung von Hörbüchern dar.“

Wunderbar! Ehrlich, ich war begeistert. Natürlich habe ich mit all meiner Fachkenntnis Verständnis dafür, wenn das bei den E-Books noch etwas dauert, da man auf EU-Ebene etwas harmonisieren muss – aber die Hörbücher können zum 1.1.2015 dadurch etwas günstiger werden.

Nun hat der Bundestag während des Viertelfinalspieles Deutschland – Algerien in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause noch vieles verabschiedet und die Drucksache 18/1995 (http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/019/1801995.pdf) ist mit 133 Seiten auch nicht die Kürzeste. Ganz am Ende kommt dann auch das mit dem Hörbuch. Und hier steckt der Wahnsinn mal wieder im Detail, den ich deshalb unterstreichen musste.

„Mit der Änderung wird der Umsatzsteuersatz für Hörbücher auf 7 Prozent gesenkt. Die Einführung dieser Umsatzsteuerermäßigung ist durch Artikel 98 Absatz 1 und 2 i .V. mit Nummer 6 des Anhangs III der Richtlinie 2006/112/EU über das gemeinsame Mehrwertsteuersystem (Mehrwertsteuer-Systemrichtlinie, MwStSystRL) gedeckt.

Die Anwendung des ermäßigten Umsatzsteuersatzes setzt die Lieferung eines körperlichen Gegenstands in Gestalt eines Speichermediums voraus. Die Speichermedien können sowohl digital (z. B. CD-ROM, USB-Speicher oder Speicherkarten) als auch analog (z. B. Tonbandkassetten oder Schallplatten) beschaffen sein.

Weitere Voraussetzung ist, dass auf dem Medium ausschließlich die Tonaufzeichnung der Lesung eines Buches gespeichert ist. Die Anwendung der Umsatzsteuerermäßigung ist dabei jedoch nicht davon abhängig, dass der Inhalt des Hörbuches als gedruckte Fassung verlegt wurde oder verlegt werden soll. Vielmehr ist der der Vorschrift zugrundeliegende Buchbegriff funktional zu verstehen, d. h. die Lesung muss einen Text wiedergeben, der dem herkömmlichen Verständnis vom Inhalt eines Buches entspricht.

Der Ausschluss jugendgefährdender Trägermedien entspricht der für gedruckte Bücher geltenden Regelung in Nummer 49 der Anlage 2 zum Umsatzsteuergesetz.

Von den begünstigten Hörbüchern sind Hörspiele abzugrenzen, die von der Umsatzsteuerermäßigung ausgeschlossen sind. Hörspiele unterscheiden sich von den begünstigten Hörbüchern durch die Verwendung dramaturgischer Effekte, verteilte Sprecherrollen, Geräusche sowie von Musik und gehen damit über die Wiedergabe einer bloßen Buchlesung hinaus.

Daneben ist die Steuerermäßigung nicht auf Umsätze mit Hörzeitungen und -zeitschriften anwendbar, da Umsätze mit Zeitungen bzw. Zeitschriften nach den verbindlichen Vorgaben des Unionsrechts nur dann begünstigungsfähig sind, wenn ein gedrucktes Erzeugnis Gegenstand des Umsatzes ist.

Das Herunterladen unkörperlicher Erzeugnisse jeglicher Art aus dem Internet fällt aufgrund des Ausschlusses elektronisch erbrachter Dienstleistungen von der Anwendung des ermäßigten Umsatzsteuersatzes in Artikel 98 Absatz 2 Unterabsatz 2 MwStSystRL nicht unter den neu geschaffenen Begünstigungstatbestand.“

Aha, also das Buch „Nullzeit“ von Juli Zeh hat 7% Mwst., auch das Hörbuch (978-3-86231-221-4) mit zwei Sprechern auf 4 CD liegt mit 7% im Rennen, während das Hörspiel (978-3-86231-316-7) weiter mit 19% besteuert wird; natürlich auch das E-Book, solange die EU noch keine Einigung erzielt hat. Übrigens, bei den Büchern ist auch nur wenig harmonisiert, wie dieses Papier (Seite 4, Punkt 6) zeigt: http://ec.europa.eu/taxation_customs/resources/documents/taxation/vat/how_vat_works/rates/vat_rates_de.pdf

traurig

Tja, sei nicht traurig Benjamin, du kostet weiterhin für die Kinder 19% Mwst. – die Erwachsenen dürfen sich nun freuen, denn so etwas wird nun billiger:

nackenbeisser

In vielen Postings habe ich gerne mitgeteilt, dass ich persönlich das Hörspiel dem Hörbuch vorziehe, z.B. hier und hier. Natürlich kaufe ich auch weiterhin Hörbücher, weil sie von den meisten Nutzern unserer Einrichtung bevorzugen werden (oder es nicht anders kennen). Doch muss man deswegen gleich den Mehrwertsteuersatz dafür differenzieren? Ich denke nicht!

Liebe große Koalition, was hast du dir dabei bloß gedacht? Ich warte auf erste Streitigkeiten der Verlage mit dem Finanzämtern, ab wann das Hörbuch zu viele unterschiedliche Sprecher hat oder zu gespielt betont wird…

ScG – Gerald Schleiwies

P.S.: Ich habe nun „die drei ???“ mit dem Fall betraut. Das kostet mich zwar weiterhin 19% Mehrwertsteuer – aber die lösen ja angeblich jeden Fall.

Advertisements

3 Antworten zu “Hörspiel oder Hörbuch – das ist hier die Mwst.-Frage

  1. Pingback: Das Mehrwertsteuerquiz – Europaversion | Blog der Stadtbibliothek Salzgitter

  2. Pingback: “Sie können dieses E-Book mit FSK 16 erst ab 22 Uhr ausleihen” | Blog der Stadtbibliothek Salzgitter

  3. Pingback: Neues von der Mehrwertsteuer | Blog der Stadtbibliothek Salzgitter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s