Wie die Frauen in die Bibliothek kamen

In meiner Freizeit beschäftige ich mich als BibliotheksWesen natürlich auch gern mit Bibliotheken. Insbesondere das Stöbern in der Geschichte des Volksbüchereiwesens bringt immer wieder neue „AHA!“-Effekte. So stolperte ich neulich in der Herzog-August Bibliothek in Wolfenbüttel über „Die Geschichte der Volksbibliothek Göttingen“, das 1977 zur 80-Jahr-Feier erschienen ist.

Darin findet sich ein Absatz, der zuerst komisch wirkt – aber er erklärt zum Teil immer noch die heutigen Gegebenheiten. Der Autor Stephan Füssel erklärt die Zunahme der weiblichen Leser zwischen 1903 und 1911 um 13 Prozent auf 43,4% so:

Dabei handelt es sich offenbar um ein weltweites „Problem“. Unter der Überschrift „Die Verweiblichung der öffentlichen Bibliotheken“ wurde in der „Volksbildung“ 35 (1905) S. 357 ein Artikel der „New York Independent Review“ rezensiert, der sich äußerst kritisch mit der Zunahme der weiblichen Leser beschäftigt. Bei einer weiteren Entwicklung, so meint das Blatt, müsse man die städtischen Bibliotheken in eine Linie mit den städtischen Vergnügungen stellen. Der Rezensent schließt sich dieser Meinung an: „In den Anschauungen steckt wohl einiges Richtige. Auch bei uns ist die Verweiblichung in vollem Gange.“

Rückblickend kann man sagen, dass die Frauen nicht nur als Leserinnen zur Verweiblichung beitrugen, sondern sie auch gleich die öffentlichen Bibliotheken als Beschäftigungsfeld in Beschlag nahmen. Zuerst häufig als billige Hilfskräfte trotz guter Ausbildung in höheren Töchterschulen, später dann auch auf der mittleren Ebene mit bibliothekarischer Ausbildung. Knapp ein Jahrhundert später ist die öffentliche Bibliothek „Frauensache“, jedenfalls in Hinsicht des Arbeitnehmeranteils. Hier in Salzgitter ist das Kopfverhältnis 22 : 3 und in den meisten anderen deutschen Kommunen wird es ähnlich aussehen. Und so verwundert nicht, wenn in Stellenausschreibungen immer mal wieder folgender Satz zu finden ist:

Die Stadt XYZ ist bestrebt, den Männeranteil in diesem Bereich zu erhöhen. Die Bewerbung von Männern ist daher besonders erwünscht.

Und genau aus diesem Grund macht die Stadtbibliothek Salzgitter am 23.4.2015 am Zukunftstag mit. Gleichstellung kann nämlich auch in die andere Richtung gehen. Deswegen kümmere ich mich an diesem Tag persönlich um „Nachwuchspflege“. Übrigens, die Bibliotheken als ein „städtisches Vergnügen“ gilt ebenfalls noch heute. Im Gegensatz zu vielen anderen Nationen sind die öffentlichen Bibliotheken in Deutschland immer noch eine freiwillige Leistung. Erst seit kurzem wird das auf Länderebene anders gesehen; z.B. in Rheinland-Pfalz, Thüringen oder Sachsen-Anhalt – in Niedersachsen hat nur eine Gruppe einen gesetzlichen Anspruch auf eine Bibliothek: Gefangene! – und die sind überwiegend männlich.

ScG – Gerald Schleiwies

2 Antworten zu “Wie die Frauen in die Bibliothek kamen

  1. Pingback: Während Salzgitter noch auf Männerfang ist… | Blog der Stadtbibliothek Göttingen

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