Hurra, Hurra, die Konkurrenz ist da? – ein Plädoyer!

Dieser Blogeintrag wurde an einem Samstag abend erstellt – damit er pünktlich Sonntag erschienen kann (gleich notieren, die nächste Woche über Sonntagsöffnung an Bibliotheken zu bloggen). Diese Woche war ziemlich anstrengend, doch auch wiederum sehr erhellend.

Unter anderem war ich bei der ekz GmbH in Reutlingen bei einer Kurzkonferenz mit dem Namen „Inspirationen 2015„. Natürlich hat das immer ein wenig „G´schmäckle“, wenn eine private Firma Bibliothekare einlädt (Anfahrt und Übernachtung zahlt der Teilnehmer). Doch neben der Präsentation neuester bibliotheksrelevanter Angebote der Firma gab es auch sehr interessante Referate. Die Firma ekz war übrigens nicht immer völlig in privater Hand, sondern hat seine Historie eben als „Einkaufszentrale für Öffentliche Bibliotheken“ an dessen GmbH auch die Stadt Salzgitter mal Anteile hatte. Mehr findet sich hier.

Doch zurück zu den Referaten. Von der Metaebene über die Morgenstadt , die meiner Auffassung nach sich in Salzgitter erst übermorgen zeigen wird, zogen sich die Themen über die Mediennutzung der Jetztzeit zu einem Vortrag eines sehr unterhaltsamen Unternehmensberaters.

Ehrhardt Heinold von der Hamburger Unternehmensberatung Heinold, Spiller & Partner wird mit den Konferenzteilnehmern die Gutenberggalaxis vermessen: Wohin geht die Reise bei E-Book-Flatrates, Spotify & Co. und wie können sich Bibliotheken in diesem neuen Kosmos behaupten?

Nun beschäftige ich mich in meiner Freizeit ja noch mit der Historie der öffentlichen Bibliotheken in Deutschland. Die Verknüpfung der dort gewonnen Erkenntnisse und den Statements des Vortrags bestätigen meine subjektiven Thesen, dass der (betriebswirtschaftliche) Weg der öffentlichen Bibliothek mit Rankingvergleichen nach über zwei Jahrzehnten bald zu Ende gehen sollte.

In den Anfängen unserer kommunalen Vorgänger gab es „Konkurrenz“. Da waren neben den konfessionellen Bibliotheken auch noch die Arbeiterbibliotheken und die privaten Leihbibliotheken. Der Volksbildungsgedanke wurde durch Vereine getragen, die ihrerseits Bibliotheken errichteten. Die heutigen kommunalen Bibliotheken sind die Nachfolger. Das ist wichtig zu wissen, wenn es um die Zukunft geht. Den Vorfahren ging es um gute Bücher für aufgeschlossene Bürger. Volksbildung wurde als volkswirtschaftlich wichtiges Anliegen publiziert, damit sich der Staat entwickeln kann. Und man zeigte früh seinen Erfolg – in Ausleihzahlen, in Besucherzahlen und in Veranstaltungsarbeiten. Aber ganz sicher dachte man nicht daran, die Zahlen um der Zahlen willen in die Höhe zu treiben, sonst hätte es sogleich überall Freihandbibliotheken gegeben. Doch der Bildungsgedanke und die Bibliothekspädagogik waren wichtiger.

Und was hat das nun mit dem Vortrag zu tun?

Die Konkurrenz ist wieder da! Die Leihbibliotheken verschwanden, die Videotheken kamen und verschwanden. Ohne Konkurenz begann man sich mit anderen Bibliotheken zu vergleichen. Der BIX wurde geboren – ein Bibliotheksindex, der gute und schlechte Bibliotheken rankt – in der Hoffnung, dass der kommunale Geldgeber dann das finanzielle Füllhorn wieder etwas mehr öffnet für die freiwillige Einrichtung einer Kommune. Doch im postdigitalen Zeitalter haben die Bibliotheken wieder Konkurrenz: Skoobe und Amazon eröffnen digitale Leihbibliotheken, Spotify und Co. läßt Musik zu jeder Zeit beinahe kostenlos konsumieren. WLan Radios und bequeme Aufnahmemöglichkeiten tun ihr übriges, dass Mediennutzung immer stärker am Kuchen der Bibliotheken und Buchhandlungen knabbert.

Keine kommunale Bibliothek kann hier eine Konkurenz sein! Schon gar nicht mit öffentlichen Mitteln. Doch aktuell sind 70% unserer Nutzer sogenannte „Rein-Raus-Kunden“ – die uns nur als Medienausleihstelle sehen. Und diese Zahlen waren wichtig, wie ich schon hier vor einigen Wochen bemerkte. Und diese Zahlen sinken landauf/landab – der „Wettbewerb“ macht sich bemerkbar.

Schon mit Aufkommen des Internets fragten kommunale Politiker, ob ihrer „Büchereien“ jetzt noch nötig wären. Und nun gibt es auch noch unsere Angebote im privaten Umfeld – die Frage wird wieder aktueller.

Dabei ist die Antwort so einfach und sie liegt in unserer Geschichte, wir müssen sie einfach nur mal wieder aufschlagen: Machen wir doch mal wieder Volksbildung!

  • Leseförderung ab Kindergarten
  • Lesesozialisation in den Grundschulen
  • Medienkompetenzförderungsprogramme für Sek 1
  • Recherche in der Sek 2
  • Deutschlernbücher für Flüchtlinge und Migranten
  • Lernort mit Kakao, Kaffee und kostenlosem WLan – natürlich ohne Verzehrzwang
  • Senioren den Umgang mit EBooks und deren Hürden zeigen
  • den beruflich Interessierten hochwertige Fachliteratur vermitteln – und mit den wissenschaftlichen Bibliotheken vor Ort zusammenarbeiten
  • mit den VHS wieder eng zusammenarbeiten und gemeinsam Programme entwickeln
  • mit dem Medienzentrum die Schulen kontaktieren
  • beim Thema Schulbibliothek unterstützen
  • einfach an der Infotheke auch mal wieder beraten – soziale Bibliotheksarbeit eingeschlossen

Also alles das, was Amazon & Co nicht kann – weil es sich nicht lohnt. Die BibliotheksWesen, die hier regelmäßig mitlesen, werden nun sagen „Aber dieses und jene aus dieser Liste tue ich doch schon seit Jahren!“

Und deswegen in Fettdruck: Dann zeigt das auch! Und beweist wie gut wir darin sind!

  • Weg mit den Ausleihzahlen, her mit der Versorgungsquote „Schülern in Grundschulen“,
  • Weg mit der Anzahl von Sachbüchern und Musik-CD, die Anzahl von Medien für die Flüchtlinge in ihrer Gesamtheit zeigen (oder Leichtes lesen oder was auch immer)
  • Weg mit der Anzahl von Veranstaltungen in der Bibliothek, die Anzahl von Besuchen der BibliotheksWesen in Schulen, Seniorenheimen und Vereinen wäre doch für den kommunalen Auftraggeber viel interessanter – oder?
  • Weg von bibliotheksinternen Rankings hin zu kommunalen Aufgaben. Die sind so verschieden wie unsere Kommunen.

Das Spielfeld wird nicht enger, sondern die Räume weiter. Die Lösung ist bei den einen ein MakerSpace, bei den anderen eine Schulbibliotheksbetreuung. Lasst uns wieder Medien vermitteln, nicht nur bereitstellen.

Übrigens, dass ich in der hintersten Reihe des Saals nicht nur Unsinn gemacht habe, läßt sich auf Facebook belegen.

ScG – Gerald Schleiwies

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