Nachlese zur Lesung von Gisa Pauly

Mit über einer halben Million verkauften Exemplaren zählt Gisa Pauly zu Deutschlands erfolgreichen Krimi-Schriftstellern. In der Stadtbibliothek Salzgitter-Bad las sie kürzlich aus ihrem aktuellen Buch „Strandläufer“.

Der achte Band ihrer Sylt-Krimis warte mit einer Besonderheit auf, stellte Frau Pauly zum Lesungsbeginn noch einmal klar: „Die erste Seite beginnt etwas anders als sonst“. Statt der sonst üblichen zwei Erzählperspektiven gebe es diesmal nun eine dritte:

„Heiliger Wattwurm! Was ist denn da unten los? Da geht’s ja noch lärmender zu als beim neuen Gosch. Ich hätte gleich hierhin fliegen sollen, bei Gosch ist die Konkurrenz einfach zu groß. Außerdem wird da dermaßen aufgepasst, dass man sich nicht mal in die Nähe der Tische trauen, geschweige denn darunter oder darauf zur Landung ansetzen kann. Im Nu wird man weggescheucht. Aber hier, auf dem Parkplatz, der heute keiner ist, wird vielleicht was zu holen sein. Also die Flügel ausbreiten und ein paar Runden treiben lassen, bei jeder Runde ein bisschen tiefer. Aha, auf ein paar Tischen […]“

Die Leseprobe der ersten Seite verrät: Im „Strandläufer“ darf der Leser die Handlung diesmal auch Sicht einer Möwe erleben. So ungewöhnlich der Einstieg um den Vogel auf Futtersuche, der für ein Bratheringsbrötchen auch schon mal mit plötzlicher Darmentleerung über Menschenköpfen spekuliert, auch sei: Es bleibt in dem Krimi ein Sonderfall, wenngleich mit Bedacht. Eine neue Hauptperson werde für zukünftige Bücher nicht eingeführt, „aber hier machte die unregelmäßig auftauchende Perspektive einfach Sinn“, erklärt die 68-jährige Autorin den ungewöhnlichen Einstieg für einen Krimi.

Natürlich vertraut Gisa Pauly auf die zwei bekannten Sichtweisen ihrer Hauptfiguren Mamma Carlotta und Erik Wolf. Gleich zwei Verbrechen breiten sich diesmal vor der italienischen Miss Marple und ihrem Schwiegersohn aus, wie der Klappentext verrät:

Als sie auf Sylt Paul kennenlernt, ist Mamma Carlotta sofort hingerissen von dem weltmännischen Charmeur, der ihr so ungeniert den Hof macht. Sogar als Maler versucht er sich, aber was Pauls künstlerisches Talent angeht, ist Carlotta eher skeptisch. Als sie ihrem Schwiegersohn Erik – seines Zeichens Kriminalhauptkommissar von Sylt – von ihrem neuen Schwarm berichtet, wittert der einen Zusammenhang zu einem Kunstraub. Ist Paul ein anderer, als er vorgibt, oder hat er gar mit dem Mord an einem bekannten Talkmaster zu tun?

Lokalkolorit machte Paulys Krimi-Reihe auf Deutschlands größter nordfriesischer Insel erfolgreich – Namedropping wie “Gosch” und “Jever” inklusive. Die charmant-würzige Mixtur aus italienischem Temperament Mamma Carlottas und norddeutscher “Beredsamkeit” ist, wie in den Büchern auch, während des Leseabends Trumpf. Anschaulich stellt die Schriftstellerin unter Beweis, wie gekonnt und unterhaltsam sie ihren Romanfiguren Leben einhaucht: den Zungenschlag der temperamentvollen Mamma beherrscht sie ebenso sicher wie den Sylter Schnack. Ob rollendes “R” aus Italien oder „Klogschieter” aus Sylt – Gisa Pauly trifft den Ton perfekt.

Damit ist die in Münster geborenene Schriftstellerin ein Musterbeispiel für eine gelungene Lesung. Die Darstellung von Figuren und Handlung gerät kurzweilig, verschmitzt und augenzwinkernd. Sie weiß: ihre Sylt-Krimis werden umso lebendiger, wenn Selbstironie mit ins Spiel kommt.

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Foto: Frank Wehrmann

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Foto: Frank Wehrmann

Sich mit Selbstironie zu nähern, kommt auch beim Publikum gut an. Ungezwungen verweist Frau Pauly auf die Bratheringbrötchen-Episode zum “Strandläufer”-Beginn. Das habe sie selbst so erleben dürfen: „Meins hat mir eine Möwe weggeschnappt.” Das kurze Zwiegespräch mit den Zuhörern ist professionell wie ungekünstelt. Offen gibt sie zu: “Das macht keinen Sinn mit uns!” Publikumsbeschimpfung? Keineswegs, das Schicksal einer Nebenfigur gab sie nur kurzerhand an die Besucher der Lesung weiter. Schließlich seien erst 70 Seiten des übernächsten Krimis fertig, da könne man noch etwas machen. Die Krimi-Fans und Kenner der Carlotta-Reihe waren sich in dieser Frage einig und die Autorin verstand: „Also gut, ich lasse Wiebke sterben!”

Im persönlichen Gespräch gibt sich Gisa Pauly ebenso offen. Ob bei dem Verkaufserfolg eine Verfilmung nicht folgerichtig sei? Aktuell sei nichts geplant, das ZDF habe die Option auf die Filmrechte auslaufen lassen. “Nicht weiter schade”, gibt die mehrfach ausgezeichnete Drehbuchautorin zu. Marianne Sägebrecht als Mamma Carlotta? Das konnte sich die Krimi-Autorin überhaupt nicht vorstellen, auch wenn sie generell offen bei der Besetzung einer eventuellen Serie sei. Dora Heldt sei auch alles andere glücklich mit den Adaptionen ihrer Bücher: “So wie es ist, ist es gut.”

Im zweiten Teil des Leseabends gab die Autorin zu Entstehung und ungeklärten Fragen Auskunft. So war ihr von Beginn klar: norddeutsche Verschlossenheit müsse auf italienisches Temperament treffen – “außerdem kannte ich Sylt ganz gut von diversen Urlauben.” Die Veröffentlichung samt Lesetour vom neunten Band steht kurz bevor. “Sonnendeck” erscheint Mitte Mai, Band zehn ist in der Mache. „Für den zehnten Band bin ich jetzt extra zum Märzlauf auf die Insel gereist.“ Ob es beim Arbeitstitel “Syltlauf” bleibe, stünde noch nicht fest.

Ein gelungener Abend ging samt Signierminuten viel zu schnell vorüber. Nur der Rahmen hätte größer ausfallen können. Mehr als die knapp 40 Besucher hätte die Altstadtbibliothek allemal verdient. Um es mit Mamma Carlotta zu sagen sagen: „Capito!”

Links zu Gisa Pauly:

Autorenseite beim Piper Verlag, bei dem Mamma Carlotta-Krimis verlegt werden: http://www.piper.de/autoren/gisa-pauly-1524

Eigener Internetauftritt: http://www.gisapauly.de/

Facebook: https://www.facebook.com/pages/Gisa-Pauly/192163947522002

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Dies ist ein Gastbeitrag von Frank Wehrmann, der für die Salzgitter Zeitung (Ausgabe am 24. März 2015, auf S. 16) den Artikel „Die italienische Schwiegermutter Mamma Carlotta sucht einen Mörder“ über die Lesung verfasst hat.
Wie Sie sehen, ist er so freundlich gewesen und hat auch für uns den Abend zusammengefasst!
Vielen Dank!
Rie

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