Gedanken zur Sonntagsöffnung

Sollen die kommunalen Bibliotheken an Sonntagen öffnen?

Hierüber tobt seit einiger Zeit eine heftige Diskussion innerhalb der Bibliotheksinnung. Die Fachzeitschrift BUB widmete der Februarausgabe 2015 dem Thema einen Schwerpunkt. Ein Pro & Contra findet sich z.B. hier: http://b-u-b.de/pro-contra-sollen-bibliotheken-sonntags-oeffnen/

Heute ist ja wieder Sonntag. Sogar Ostersonntag. Und sehr viele Bibliotheken hatten diesen Samstag geschlossen. Umso verwunderlicher ist, wenn Bibliotheksleitungen sich offen für die Sonntagsöffnung einsetzen, aber beim Samstag über Ostern folgenden Text veröffentlichen:

Stadtbibliothek – Ostern nur virtuell geöffnet

Von Karfreitag bis Ostermontag bleibt die Stadtbibliothek XXX mit allen Zweigstellen – auch XYZ – geschlossen.

Um nicht nur süße Ostereier im Nest zu finden und die freien Tage für (Ent)Spannung zu nutzen, bleibt nur, sich vorher ausreichend mit Hör-, Spiel-, Lese- und Sehstoff einzudecken oder die Bibliothek virtuell zu besuchen. Im Katalog nach Medien stöbern, vormerken, verlängern, unter (Link entfernt) Neues entdecken und natürlich eBooks, Hörbücher, Filme und Zeitschriften aus der onLeihe downloaden. Wer Neuigkeiten aus aller Welt entdecken möchte, sollte den Online-Zeitungskiosk besuchen.

An der Außen-Rückgabe der Zentralbibliothek können Medien rund um die Uhr, auch an den Ostertagen, zurückgegeben werden.

 Ab Dienstag, den 7. April, sind die Bibliotheken wieder geöffnet.

Die Stadtbibliotheken Salzgitter bieten ihren Lesern außerhalb der Ferien 96 Öffnungsstunden/Woche an drei Standorten. An zwei Standorten ist samstags geöffnet – auch Ostersamstag. Die einzige Samstagsausnahme seit Jahren war der 27.12.2014 – nach den Weihnachtsfeiertagen war der Aufwand für die paar Stunden einfach zu hoch.

Ob eine Sonntagsöffnung notwendig und vor allem leistbar ist, muss jede Bibliothek selbst sehen. Noch aber steht das Arbeitsschutzgesetz davor, denn Sonntage sind durch den Gesetzgeber auch in der Verfassung gesondert geschützt. Die kommunalen Bibliotheken dürfen aktuell sonntags nicht regelmäßig öffnen! Die Ausnahmen regelt das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) in §10. Doch darüber hinaus gibt es noch einen Artikel im Grundgesetz. Dort ist die Sonntagsruhe grundgesetzlich geschützt. Art. 139 der Weimarer Reichsverfassung vom 11. August 1919, der gemäß Art. 140 GG Bestandteil des Grundgesetzes ist, bestimmt, dass der Sonntag als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt bleibt. Eine Abschaffung oder eine den Sonntag in dieser Funktion grundsätzlich in Frage stellende Regelung ist somit nicht mit dem Grundgesetz vereinbar und entzieht sich daher einer grundsätzlichen Neuregelung durch die Landesparlamente.

Doch es gibt Ausnahmen, wenn man genauer hinschaut. Die zumeist ehrenamtlich geführten konfessionellen Bibliotheken haben eine Sonntagsöffnung – kurz nach dem Gottesdienst. Dies ist u.a. durch den Ausnahmetatbestand in § 10 des ArbZG gereglt:

6.) bei nichtgewerblichen Aktionen und Veranstaltungen der Kirchen, Religionsgesellschaften, Verbände,
Vereine, Parteien und anderer ähnlicher Vereinigungen,
Eine weitere Ausnahme im ArbZG findet sich bei den wissenschaftlichen KollegInnen:
7.) beim Sport und in Freizeit-, Erholungs- und Vergnügungseinrichtungen, beim Fremdenverkehr sowie in
Museen und wissenschaftlichen Präsenzbibliotheken,

Die in der Berufsinnung zum Teil heftig geführte Diskussion um den Feiertag hat meiner Ansicht nach noch Lücken. Historische Lücken, um genauer zu sein.

Die erste Sonntagsöffnung einer Bibliothek für die Öffentlichkeit habe ich beim „Bibliothekar“ Goethe in Weimar gefunden:

Für den relativ hohen Grad an Öffentlichkeit der Weimarer Bibliothek spricht auch die Handhabung der Öffnungszeiten, wenngleich sie nach heutigen Maßstäben unzureichend sind. Die Weimarer Bibliothek war laut Staatshandbuch für das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach von 1830 mittwochs und sonntags von 9.00 – 12.00 Uhr, die angeschlossene Militärbibliothek sogar täglich von 9.00 bis 12.00 geöffnet (Verweis auf Abdruck bei BRADISH S. 279 – 282). Gerade die sonntägliche Öffnungszeit – heutzutage undenkbar – ist bemerkenswert, stellte doch der Sonntag für die Masse der arbeitenden Bevölkerung weitgehend den einzigen Tag der Woche dar, an dem Sie über Freizeit verfügen konnte. Hier läßt sich – etwa analog zur besucherfreundlichen Spielplan- und Preispolitik auf dem weimarischen Theatersektor – benutzerfreundliches Verhalten der Verwaltung konstatieren.“ (Text auf S. 32)

in: Kiel, Rainer-Maria: Goethe und das Bibliothekswesen in Jena und Weimar (Sonderdruck aus „Bibliothek und Wissenschaft“, Bd. 15, 1981) – Verlag Otto Harrasowitz

 

In der Zeitschrift „Der Bildungsverein“ steht im Artikel „Einige Winke über die Anlage von Volksbibliotheken“ (2/1872)5, S1 ff. im Absatz 3 (Der Bibliothekar und seine Pflichten) unter Satz 2 folgenden Hinweis:

Er ist in der für die Benutzung der Bibliothek bestimmten Zeit – am Besten eine oder zwei Stunden in jeder Woche, am Samstag oder Sonntag – dort anwesend und hat im Verhinderungsfalle einen vom Vorstand zu genehigenden Stellvertreter zu bestellen.

Nun muss man natürlich wissen, dass diese vereinsgeführten Bibliotheken selbst in kleinen Dorfern ab 200 Einwohnern als möglich gesehen wurden. Zudem stand man immer wieder in Konkurrenz zum Borromäusverein, der bereits seit einiger Zeit flächendeckend katholisch orientierte Kleinstbibliotheken aufbaute.

Als die Volksbildungsbewegung in Fahrt kam, gab es nur wenig hauptamtlich geführte Bibliotheken. Die erste deutsche Bibliothekarin, Bona Peiser, öffnete in Berlin-Charlottenburg die Lesehalle um 1895 zugleich auch sonntags und führte darüber akribisch Buch (aus dem Original-Jahrbuch):

PHOTO_2

 

Auch weitere Volksbibliotheken hatten zumeist andere Öffnungszeiten als heute; werktags bis 21 Uhr und Sonntagsöffnung kannte man an vielen Orten; zum Beispiel in Wiesbaden. Doch es gab meist einen großen Unterschied: das Personal war ehrenamtlich und diese führten die als Verein geführten Bibliotheken nach ihrer eigentlichen Arbeit.

Mit dem hauptamtlichen Personal in kommunal geführten Bibliotheken verschwand die Sonntagsöffnung – und lange Zeit fragte auch kaum jemand danach. Vielleicht verschwand die Sonntagsöffnung auch wirklich mit dem Reichsgesetz von 1919. Die einschlägige Literatur schweigt sich mir da über viele Jahrzehnte aus. Und heute? In einer Zeit, wo alles zu jeder Zeit verfügbar sein muss/soll – möchte man am liebsten auch Tag und Nacht in die Stadtbibliothek?

Aktuell gibt es Umfragen in großen Häusern, die 70% ihrer Nutzer als „Rein-Raus-Kunden“ beschreiben; also rein in die Bibliothek, Medien mitnehmen und gleich wieder raus (auch sonntags?). Die anderen 30% nutzen die Bibliothek als Ort zum Lernen, Lesen, Treffpunkt und wie diese – nicht ganz ernst gemeinte – Umfrage darstellt, eigentlich nur für zwei Dinge:

Waht you use the library for

Die Meinungen zur Sonntagsöffnung gehen weit auseinander – und an Tagen wie diesen, die neben Sonntag noch ein bißchen mehr sind, haben auch die Befürworter mal geschlossen. Übrigens, der 24.12.2017 ist ein Sonntag – ich vermute mal, auch dann wird keine kommunale Bibliothek in Deutschland geöffnet haben – außer vielleicht dieser „Automatenbibliothek“ hier: http://www.buecherhallen.de/go/id/bjka

P.S.: Virtuell geöffnet haben wir übrigens auch. Die E-Ausleihe läuft ganz automatisch 24/7.

ScG – Gerald Schleiwies

 

Eine Antwort zu “Gedanken zur Sonntagsöffnung

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