Thekenbibliothek? – Gibt es da was zu trinken?

Dieser Artikel ist eindeutig für die Jüngeren unter 50, denn die kennen das gar nicht mehr.

Neulich stolperte ich im Buch „Öffentliches Büchereiwesen in Niedersachsen – Grundlagen, Leistungen, Aufgaben“ aus dem Jahr 1961 über einen Artikel mit „Aha“-Effekt. Bibliotheksdirektor Dr. Rolf Kluth aus Hannover beschäftigte sich dort mit den Bibliotheken der kreisfreien Städte in Niedersachsen. Als vorbildlich bezüglich der Personalausstattung beschrieb er Wolfsburg, die pro 10.000 Einwohner einen hauptberuflichen Bibliothekar beschäftigten. Auch die Ausleihzahl war, mit Berücksichtigung einiger Schleswig-Holsteinischer Kleinstädte, als „höchster Leistungsstand“ bezichnet worden. Wolfsburg hatte zu dieser Zeit sechs Bibliothekare und konnte sechs Filialen aufweisen – bei zu diesem Zeitpunkt 59.828 Einwohner.

Salzgitter war definitiv größer: es wurden 108.349 Einwohner angegeben. Drei Bibliothekskräfte kümmerten sich in drei Filialen um die Lesehungrigen. 25.500 Bücher für 2.063 Leser erzielten 64.256 Entleihungen. Der Blick auf die im Buch angefügte Tabelle zeigt, dass die Ausleihen schon in kleineren Städten viel größer war.

Doch ein Satz erklärt auch warum:

Für die Wirkungsmöglichkeit einer Bücherei ist aber nicht der Bestand an sich, sondern auch die Art und Bereitsstellung der Bücher, also die Ausleihform maßgebend. Die moderne Form der Freihandausleihe ist in vollem Umfange bisher in Celle, Cuxhaven, Göttingen, Hildesheim, Oldenburg, Osnabrück, Wilhelmshaven und Wolfsburg eingeführt. In Hannover arbeitet nur noch die Erwachsenenabteilung einer Stadtteilbücherei mit der Thekenausleihe, während die 12 anderen Büchereien auf die Freihandausleihe umgestellt sind. In Braunschweig hat die Hauptbücherei noch Thekenbetrieb, während die Zweigstellen nach dem Freihandsystem ausleihen. Das gleiche gilt für Hameln. In Goslar, Lüneburg und Delmenhorst werden die Bücher für Erwachsene noch über die Theke, die Jugendbücher im Freihandsystem ausgeliehen. Reiner Thekenbetrieb herrscht zur Zeit nur noch in Emden und Salzgitter, jedoch besteht auch hier die Aussicht auf Umstellung.

Wow, 1961 hatte Salzgitter noch reinen Thekenbetrieb. Das bereits erwähnte Schleswig-Holstein stellte bereits in den 50er komplett um. Wie sehr das die Vorgänger beschäftigt hat, konnte ich in der Zeitschrift BUB finden, die seit 1949 gebunden bei uns die Regale verziert. Entsprechende Artikel zu diesem Thema in dieser Zeit sind unterstrichen und haben handschriftliche Anmerkungen!

Doch damit wird auch ein etwas älterer Blogeintrag klarer: https://stadtbibliotheksalzgitter.wordpress.com/2013/07/22/als-bibliothekarinnen-noch-in-kleinen-kastchen-wohnten/

Das Bild ist zwar wirklich aus dem Jahre 1962 – doch die Freihandbibliothek gab es in Salzgitter noch nicht! Das war die Thekenausleihe!

Stadtbibliothek S.-Bad 001 001[1]

Beim Aufräumen eines Büros bin ich übrigens über das städtische Telefonbuch der Stadt von 1970 „gestolpert“. Darin lagen uns noch unbekannte Fotos. Die Dame im Bild haben wir nun auch in Farbe – den Namen kennen wir jedoch noch immer nicht.

Doch zurück zur Thekenbibliothek. Die öffentlichen Bibliotheken hatten zu Beginn ein heeres Ziel der Lesesozialisation. Da konnte der Bibliothekar, der das pädagogisch einschätzen sollte, natürlich nicht jeden an jedes Buch lassen. Der Wirt lässt den Kunden ja auch nicht an den Zapfhahn. Bei Walter Hofmann findet sich dazu eine sehr klare Zeichnung:

Ausleihvorgang

Alles klar?

Quelle: Marwinski, Felicitas : Die Freie öffentliche Bibliothek Dresden-Plauen und Walter Hofmann – ein Beitrag zur Geschichte des Volksbüchereiwesens zu Beginn des 20. Jahrhunderts) Beiheft 6 zur Zeitschrift „der Bibliothekar“. Zentralinstitut für Bibliothekswesen, Berlin (Hrsg.), 1983

Heute gilt auch in den Stadtbibliotheken das WYSIWYG – Prinzip („What You See Is What You Get“ ), also  „Was du siehst, ist [das,] was du bekommst.“ Wer das schon eingerichtet hatte, konnte mit steigenden Ausleihzahlen rechnen. Die Lesesozialisation ist heute freier und automatisiert – z.B. mit dem Antolinprogramm.

ScG – Gerald Schleiwies

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