„Sie können dieses E-Book mit FSK 16 erst ab 22 Uhr ausleihen“

Es gibt Bücher und es gibt E-Books. Dass letztgenannte keine Bücher sind, wurde bereits mehrmals erwähnt. Doch die rechtliche Konsequenz daraus wurde erst vor kurzem deutlich.

Denn E-Books sind zur Zeit „Telemedien“ und fallen unter das Telemediengesetz. Das sorgt z.B. dafür, dass man in den Mediatheken einen Tatort nur ab 20 Uhr schauen kann. Die TV-Anstalten sagen ja auch gerne Bescheid, wenn ein entsprechender Inhalt für Zuschauer unter 16 Jahren nicht geeignet ist. Die Filmindustrie kennt seit Jahren die FSK – die freiwillige Selbstkontrolle für Filme. Die Spieleindustrie hat als Pendant die USK. Die öffentlichen Bbiliotheken halten sich auch daran und entleihen Medien erst ab dem aufgedruckten Alter.

Für Bücher gab es so etwas in Deutschland nicht. Lediglich Medien auf dem Index für jugendgefährdete Schriften dürften erst ab 18 verkauft werden. Das galt z.B. für pornographische Hefte mit eindeutigen Fotos. Für das Kopfkino, das erst durch Lesen entsteht, gab es nur sehr selten Ausnahmen und deutsche Bibliotheken konnten die Betroffenheit an wenigen Fingern abzählen.

Paradebeispiele waren Bret Easton Ellis mit „American Psycho“ oder Pauline Reage „Die Geschichte der O“, um einen erotischen Klassiker zu nennen. Über die Indizierung wacht die Bundesprüfstelle für jugendgefährdete Medien.

Und hier steht dann auch:

„Eine Alterskennzeichnung gibt es weder für Musik- und andere Tonaufnahmen noch für Printmedien wie z.B. Zeitungen, Magazine, Comics, Plakate oder Bücher.“

Womit noch einmal klar gestellt wird, dass die vielen Aufkleber, für welche Klassenstufe welche Medien sind, eine Empfehlung der Bibliothek oder des Antolinprogramms sind und keine Alterskennzeichnung im Sinne der FSK.

Bei den Telemedien gilt jedoch:

Im § 4 des JMStV sind neben strafrechtsrelevanten Inhalten weitere Inhalte als absolut unzulässig definiert, die im Rundfunk nicht verbreitet werden dürfen.

Absolut unzulässig gemäß § 4 JMStV sind z.B. Angebote mit folgenden Inhalten:

  • Verwendung von Kennzeichen oder Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen
  • Aufstachelung zum Rassenhass
  • Verharmlosung von Handlungen, die unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangen wurden
  • Kriegsverherrlichung
  • Pornographische Darstellungen, die Gewalttätigkeiten oder den sexuellen Missbrauch von Kindern oder Jugendlichen oder sexuelle Handlungen von Menschen mit Tieren zum Gegenstand haben; dies gilt auch bei virtuellen Darstellungen
  • Darstellung von Kindern und Jugendlichen in unnatürlich geschlechtsbetonter Körperhaltung (gilt auch für virtuelle Darstellungen)
  • Verletzung der Menschenwürde, insbesondere durch die Darstellung von Menschen, die sterben oder schweren körperlichen oder seelischen Leiden ausgesetzt sind.
  • Gewaltverherrlichung bzw. -verharmlosung
  • Anleitung zu rechtswidrigen Taten wie z.B. Mord, Totschlag, Völkermord und andere (vgl. § 126 StGB)

und weiter wird ausgeführt:

Möchten Rundfunkanbieter Programme senden, die zwar zulässig, aber geeignet sind, die Entwicklung von Kindern oder Jugendlichen zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu beeinträchtigen, haben sie dafür Sorge zu tragen, dass Kinder oder Jugendliche der betroffenen Altersgruppe sie üblicherweise nicht wahrnehmen. Dies geschieht durch die Einhaltung folgender Sendezeitbeschränkungen:

  • Tagesprogramm 06:00 – 20: 00 Uhr
    Inhalte für Zuschauer/-hörer aller AltersgruppenHauptabendprogramm 20:00 – 22:00 Uhr
    Inhalte für Zuschauer/-hörer ab 12 Jahren
    Spätabendprogramm 22:00 – 23: 00 Uhr
    Inhalte für Zuschauer/-hörer ab 16 JahrenNachtprogramm 23: 00 – 06: 00 Uhr
    Inhalte für Zuschauer/-hörer ab 18 Jahren

 

Und genau deswegen sorgte ein Vortrag auf den Buchtagen in Berlin für entsprechendes Aufsehen, das auch auf Lesen.net stark kommentiert wurde. Denn bisher geht es der Bundesprüfstelle nur um pornographische Bücher. Die Telemedien kennen aber nicht nur die Abstufung ab 18, sondern auch ab 12 und ab 16 Jahren. Und ganz ehrlich, die Bibliotheken triefen nur so von Mord und Totschlag, psychisch durchgeknallten Typen und perversen Ideen; und damit sind nicht die dort arbeitenden BibliotheksWesen gemeint. Die Leichen und Grausamkeiten finden sich zwischen den Buchdeckeln jedoch nur in Schwarz-Weiß – der Film entsteht erst im Kopf des Lesers (und zwar so wie er sich das vorstellt).

images.duckduckgo.com

Auf der Verlagseite zu diesem Buch steht z.B.:

Der Bestseller-Autor schreibt für das Kino im Kopf…-…Nein, hier spielt ein Mörder ein ganz perfides Spiel, so simpel wie einfach: Verstecken. Er hat die Kinder, er versteckt sie, und wenn die Eltern sie nicht innerhalb der erlaubten Zeit finden – ist es zu spät. Sein Plan ist einfach und seine Gnadenlosigkeit von grausamer Klarheit.

Die Diskussion, was wer ab welchem Alter lesen darf, ist so alt wie die Geschichte der öffentlichen Bibliotheken. Zu meiner Jugendzeit war Stephen King bereits sehr früh gefragt, eine mangelnde FSK-Angabe konnte uns nicht aufhalten. Und heute? Ob „Feuchtgebiete“ oder „Shades of Grey“ oder eben oben gezeigter Psychothriller. Wenn eine achtjährige Person so etwas ausleihen will, vermuten wir eher, dass sich eine erwachsene Person die Jahresgebühr sparen will – eine rechtliche Handhabe gibt es jedoch nicht! Das liegt allein in der Verantwortung der Erziehungsberechtigten. Kommt eine 15-jährige Person mit diesen Büchern an die Ausleihe, würde sie diese Titel ohne Argwohn des Personals auch mitbekommen. Die entsprechenden Filme jedoch bekommt sie noch nicht, denn diese haben eine Altersfreigabe ab 16.

Solange E-Books jedoch Telemedien sind, kann sich das gewaltig ändern. Bisher gibt es nur den einen Fall mit einem zu kaufenden Buch ab 18. Bei konsequenter Auslegung könnte aber auch der Fitzek erst ab 22 Uhr in der E-Ausleihe zur Verfügung stehen. Lesen dürfen Sie die Geschichte dann auch morgens um sieben im Bus/Zug oder wo auf immer. Und die Holzversion bekommen sie innerhalb der Öffnungszeiten der Bibliothek natürlich jederzeit ausgeliehen.

Auch wenn die Politik immer wieder zu einem Paradebeispiel des Unsinns bereit ist, z.B. die unterschiedliche Besteuerung von Hörbuch und Hörspiel je nach Trägerart, möchte ich hier ganz schnell vorschlagen, dass E-Books bitte wie die Holzabteilung behandelt werden, denn der Text ist der Text und bleibt der Text, egal wie er angezeigt wird. Hier eine Differenzierung einzuführen, ist meines Erachtens genauso seltsam wie die unterschiedliche Besteuerung von E-Book und Holzbuch. Hier scheint man EU-weit schon auf einem guten Weg. Dann könnte man das mit dem Jugendschutz doch bitte gleich mit Harmonisieren. Sonst heißt es irgendwann in unsere E-Ausleihe beim neuen Fitzek: „Sie können dieses E-Book mit FSK 16 erst ab 22 Uhr ausleihen“.

ScG – Gerald Schleiwies

Eine Antwort zu “„Sie können dieses E-Book mit FSK 16 erst ab 22 Uhr ausleihen“

  1. Pingback: Die Satire in Zeiten des Terrors oder die Realsatire in Zeiten des Telemediengesetzes | Blog der Stadtbibliothek Salzgitter

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