Eine Bibliothek für 5 Mark!

Um dem Volk Bildung nahe zu bringen entstanden vor über 100 Jahren die Volksbildungsvereine. Diese gründeten sehr oft Bibliotheken und Volkshochschulen und betrieben diese zu Beginn zumeist mit ehrenamtlichem Engagement. Das Berufsbild des Volksbibliothekars war jung und es gab nur die Zentrale der Volksbücherei, wo man (kostenpflichtig) ausgebildet werden konnte. Die Praktikumsplätze waren rar gesät, nur 42 Plätze in Volksbüchereien und Lesehallen für ganz Deutschland wurden im Handbuch zu den Bibliothekskursen der Zentrale für Volksbücherei 1916 – 1918 nachgewiesen. Da war Deutschland jedoch größer als heute, Ausbildungsplätze in Stettin, Danzig und Bromberg machen das deutlich.

Neben der Volksbildungsbewegung und dem kirchlichen Büchereiwesen gab es auch die Arbeiterbewegung, die sich anschickte eigene Bibliotheken zu gründen. Doch hüben wie drüben das gleiche Problem: Wie führt man eine Bibliothek? Und was kauft man ein?

Das sich entwickelnde öffentliche Bibliothekswesen brauchte Hilfe. So erschienen Handbücher für den Aufbau und Betrieb einer Bibliothek. Die Volksbildungsbewegung, die Katholiken mit dem Borromäusverein und die Arbeiterbibliotheken gaben Hilfestellung und brachten zudem Empfehlungslisten guter Buchbestände. Da hatten die bürgerlich-liberalen Volksbildner natürlich andere Vorstellung als die Katholiken oder die Gewerkschaftsführer. Zudem begann der Begriff „Bibliothek“ bereits bei kleinen bis sehr kleinen Beständen, die heute die meisten Haushalte spielend übertreffen.

Der für die Arbeiterbibliotheken wichtige Gustav Hennig (pdf zur Biographie) machte später seine Leidenschaft zum Beruf und leitete bis zu seinem Tode 1948 die Stadtbibliothek in Gera. 1908 konnte er schon auf 10 Jahre Bibliotheksarbeit zurückblicken und brachte einen „Wegweiser für Bibliothekverwaltungen“ heraus, den man für 40 Pfennig erwerben konnte. Das letzte Kapitel widmet sich Vorschlagslisten für Privat- und Vereinsbibliotheken. Die kleinste Sammlung begann bei 5 Titeln für 5 Mark – schon war die Bibliothek geboren.

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Die größte Sammlung in dieser Auflistung hatte dann 33 Bände und man konnte für 20 Mark auch die 4-bändige Ausgabe zur „Geschichte der deutschen Sozialdemokratie“ ins Regal stellen, immerhin erst nach Goethe, Schiller und Heinrich Heine. Es gab viele dieser kleinen und Kleinstbibliotheken über die heute nur noch wenig bekannt ist. Intensiv geforscht wurde lokal z.B. in Württemberg oder Potsdam. Das jähe Ende dieser Bibliotheken folgte spätestens mit dem Erstarken des Naziregimes.

ScG – Gerald Schleiwies

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