Akif Pirincci und die Bibliotheksethik

Akif Pirinçci war lange Zeit synonym mit Felidae – einer Katze mit kriminalistischem Spürsinn. Der Bucherfolg kam sogar in die Kinos. Weitere Romane von Pirinçci wurden ebenfalls gerne gelesen und in den Bestand der Bibliothek eingestellt.

Pirinçci hat jedoch auch ein Sachbuch geschrieben, das erst letztes Jahr erschien: „Deutschland von Sinnen – Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer.“ Es steht bei uns unter Gesch 458,4 PIR und konnte einige wenige Ausleihen erzielen. Anders als bei Herrn Sarrazin blieb die Debatte um dieses Buch kurz. Im ZDF gab es bereits Probleme bei einem Interview zum Werk und weshalb die Sendung nicht immer in der Mediathek verfügbar war.

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Auch sonst bietet die Wikipedia in einem eigenen Artikel viel lesenswertes zu diesem Buch. Von „Sarrazin auf Speed“ bis zu „viel Humor und einer Portion Poltergeist“ finden sich viele Umschreibungen – selbst so seriöse Magazine wie der „Cicero“ attestierten dem Romanautor mit Migrationshintergrund ein gelungenes Buch.

Doch seit dieser Woche kann man das ganze Werk auch anders interpretieren. Akif Pirinçci ist aufgefallen durch eine öffentliche Rede auf der Pegida Demonstration in Dresden und selbst seine Verlage haben daraufhin die Zusammenarbeit mit ihm gekündigt.

Nun ist Pegida weit weg von Salzgitter und eine Äußerung eines Romanautors spiegelt nicht unbedingt die komplette Geisteshaltung der Person wieder. Im Bibliotheksteam stellte sich daher die Frage, ob man dieses Buch aufgrund des aktuellen Geschehens überhaupt noch im Bestand halten soll oder ob wir es makulieren.

Während Felidae und Co. über jeden Zweifel erhaben sind und einfach gute Verbrauchsliteratur darstellen liegt dieser Fall anders. Vielleicht war das Buch gar keine Satire, vielleicht wurde Pirinçci komplett falsch eingestuft oder man konnte bzw. wollte mit dem Migrationshintergrund des Autors gar kein politisches Statement dieser Art in Verbindung bringen können.

Also wird dieses Werk nun aus dem Bestand entfernt? Nein, vorerst nicht! Der Vorwurf der Zensur wäre sehr schnell im Raum. Und das zu recht. In Deutschland gibt es zumeist unbeachtet, selbst von der fachlichen Masse, eine Bibliotheksethik. Prof. Rösch von der TH Köln (vormals FH Köln) ist in diesem Metier international engagiert und berichtet regelmäßig auf Tagungen vom Stand der Dinge, zuletzt auf dem österreichischen Bibliothekartag. Der Vortrag ist hier abrufbar: http://eprints.rclis.org/22978/1/v%C3%B6b-mitteilungen_67%20%282014%29%201_Hermann%20R%C3%B6sch_Bibliothekarische%20Berufsethik.pdf

Zudem findet sich im Bibliotheksportal weiterführende Information: http://www.bibliotheksportal.de/themen/beruf/berufsethik.html – seit 2007 gibt es hier in Deutschland eine Ethikcode, der beim Bibliotheksbetrieb den BibliotheksWesen helfen soll. Dieser ist zwar stilistisch angreifbar, doch inhaltlich klar in der Aussage:

Wir setzen uns für die freie Meinungsbildung und für den freien Fluss von Informationen ein.

Wir informieren und beraten unsere Kundinnen und Kunden sachlich, unparteiisch und höflich und unterstützen sie dabei, ihren Informationsbedarf zu decken.

Ein Blick in die deutsche Geschichte offenbart, dass Säuberungen von Bibliotheksbeständen in öffentlichen Bibliotheken kein singuläres Phänomen waren. Und so ist es ein großer Unterschied ob ein Buch aus dem Bestand geht, weil es kein Interesse mehr findet oder weil Einige, auch Bibliothekspersonal, mit den inhaltlichen Aussagen nicht zurechtkommen.

Und so können Sie sich nun selbst ein Meinungsbild machen. Das Buch von Pirinçci existiert vorerst weiter im Bestand. Empfehlen würde ich das Buch nicht, suche es aber gerne heraus und nehme Vormerkungen entgegen. Entscheiden Sie selbst ob es noch eine Persiflage oder bereits extremistische Meinung ist.

ScG – Gerald Schleiwies

2 Antworten zu “Akif Pirincci und die Bibliotheksethik

  1. Pingback: Die Satire in Zeiten des Terrors oder die Realsatire in Zeiten des Telemediengesetzes | Blog der Stadtbibliothek Salzgitter

  2. Pingback: Die Dummel Ausstellung | Ein BibliotheksWesen

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