Die Satire in Zeiten des Terrors oder die Realsatire in Zeiten des Telemediengesetzes

Für alle, die mein Vorwort zu unserer Veranstaltung „Literarisches und Kulinarisches“ nicht mitbekommen habe, hier noch einmal der volle Wortlaut:

Guten Abend,

am letzten Freitag zeigte religiöser terroristisch eingestellter Fanatismus in Paris sein grausames Gesicht. Zu solchen Zeiten gibt es viel Trauer und nur wenig zu Lachen. Im Fernsehen zeigen sich solch Ausnahmesituationen immer dadurch, dass Satire- und Kabarettsendungen kurzfristig aus dem Programm genommen werden.

Das ist verständlich. Doch eine Form der Satire bleibt davon ausgenommen:  – die Realsatire!

Das Buchwesen und damit auch das Bibliothekswesen haben in diesen Zeiten jedoch genau mit dieser Art des realen Irrsinns zu kämpfen. Und damit meine ich nicht die kurzflammig entstehenden Diskussionen ob ein Akif Pirincci nach seinen Äußerungen in Dresden noch von Buchhändlern verkauft oder sein Katzenroman noch im Bibliotheksregal zu finden sein soll. An diese Debatten der „Wir jagen die nächste Sau durch Dorf“ und seinen trashigen Auswüchsen in den sozialen Netzwerken habe ich mich bereits fast gewöhnt.

Der reale Irrsinn jedoch ist viel feinsinniger und er kommt wiederholt in Form der Mehrwertsteuer und verstaubter Legislative daher. Am 1.1.2016 heißt es 7 + 19 in Eins! Das ist wahrlich Neu in Deutschland. Zum ersten Mal wird eine physikalische Einheit mit zwei Mehrwertsteuersätzen versehen: das Buch!

Das Buch unterliegt nicht nur der gesetzlichen Preisbindung und ist überall gleich teuer. Das Buch profitiert auch von der geringeren Mehrwertsteuer in Höhe von 7%. In Zeiten des zunehmenden Digitalisates legten erste Verlage Disketten oder CD-Roms bei. Manchmal war sogar das Buch in elektronischer Form darauf noch einmal enthalten. Diese Beilage  störte ein Jahrzehnt lang niemanden.

Heute heißt das Digitalisat allgemeingültig „E-Book“. Doch hier wird es spannend. Das E-Book ist kein Buch. Das E-Book ist ein Telemedium! Kein Scherz. Damit unterliegen E-Books aktuell dem Telemediengesetz. Das ist genau das Gesetz, das in den Mediatheken des öffentlich-rechtlichen Rundfunks dafür sorgt, das ein schwedischer Thriller erst ab 22 Uhr anzuschauen ist; wenn er  erst ab 16 Jahren freigegeben wurde.

Erst vor wenigen Wochen wurde das juristische Exempel statuiert, das ein Verlag seinen pornographischen digitalen Roman erst nach 22 Uhr verkaufen durfte – es ist ja ein Telemedium. Das ist für eindeutigen Inhalt für Erwachsene noch eingrenzbar – spätestens die Bundesprüfstelle für Jugendgefährdete Medien sorgt mit seinem Index für die einzige Freigabeeinschränkung bei Büchern.

Die Telemedien kennen jedoch noch „Ab 16“ und „Ab 12“. Bücher kennen das jedoch nicht. Fitzeks Augensammler? Die Bibliothek ist ein Ort von triefender Grausamkeit. Mord und Totschlag zwischen vielen Buchdeckeln und in ihrem Kopfkino. Ist für Ihren Kopf nun das Telemediengesetz zuständig?

Darf ein Thriller von Herrn Fitzek nun erst ab 20 Uhr oder ab 22 Uhr aus unserer E-Ausleihe ausgeliehen werden? Bücher kennen keine FSK! Für das E-Book mit dem gleichen Inhalt wird das aber nun verlangt werden können.

Das E-Book unterliegt zudem einer anderen Mehrwertsteuer, nämlich 19%. Ist ja kein Buch im gesetzlichen Sinne. Die Verlage, die nun jedoch dem Buch ein Code für ein Digitalisat beilegen sind durch die Finanzämter ab 1.1.2016 verpflichtet, dies auch im Preis entsprechend auszuweisen. Für ein und denselben Inhalt gibt es nun also zwei Mehrwertsteuersätze. Ab 1.1.2016 kann es zu folgender Rechnung kommen: Das Buch kostet 20 €. 16€ werden davon mit 7% versteuert und 4 € mit 19%. Die 16 € unterliegen der Preisbindung, die 4 € de jure nicht.

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Buch und E-Book sind ab dem 1.1.2016 wohl keine Freunde mehr.

„Satire darf alles, nur nicht jederzeit.“ ergänzte ein bekannter Kabarettist neulich die Kernaussage von Herrn Tucholsky. Das gilt jedoch nicht für die Realsatire – wahrscheinlich fällt diese auch nicht ins Telemediengesetz.

ScG – Gerald Schleiwies

P.S. Die Präsentation für die akteulle Veranstaltung „Literarisch & Kulinarisch“ erreichen Sie unter folgendem Link: Prezi Lit/Kul. Dort sehen Sie alle 24 Titel, die diese Woche vorgestellt wurden.

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