Die Antipolitischen

Die Rezension stammt aus der Veranstaltung „Literarisches und Kulinarisches“

Ich bleibe politisch – obwohl das Buch „Die Antipolitischen“ heißt. Dieses schmale Bändchen bekommt von mir einen „Lesebefehl“ für jeden politisch interessierten Menschen. Herausgebender Verlag ist die „Hamburger Edition des Instituts für Sozialforschung“. Eng mit diesem Namen verknüpft ist Jan-Philipp Reemtsma. Jacques de Saint Victor arbeitet sich vordergründig an der aktuell größten italienischen Fraktion ab, der Fünf Sterne Bewegung des Satirikers Beppo Grillo. Das ist interessant zu lesen, denn hier wurden die Gründungsfehler der Piratenpartei nicht gemacht. Es gibt eine zentrale Steuerung. Doch ist das dadurch demokratischer?

„Dort, wo Demokratie existiert, wird immer weniger entschieden und umgekehrt dort, wo immer mehr entschieden wird, ist keine Demokratie mehr.“ Philippe Seguins Zitat in Verbindung mit EU-Technokraten, Lobbyverbänden oder TTIP zeigt das nicht nur das Wahlvolk keine Alternative hat, egal, wer gerade an der Macht ist, sondern das auch Aussagen von Francois Hollande, „sich nicht länger mit ideologischen Plunder zu behängen“ von oberster politischer Ebene keine weiteren Erwartungen mehr zulässt. Die Mediendemokratie umschreibt Grillo scharfzüngig als „Ins Fernsehen zu gehen, ist wie zu seiner eigenen Beerdigung zu gehen.“

Das Durchschnittsalter der Mitglieder der beiden großen Parteien CDU und SPD liegt bei über 60 und deckt sich beinah 1:1 mit der Einschaltquote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die jüngeren haben sich entfernt von der Parteiendemokratie und probieren Ihren Part in den sozialen Medien ihrer Generation. Doch die Bereitsteller dieser Medien sind an einer Demokratie nicht wirklich interessiert. Jaques de Saint Victor entlarvt Facebook, Google und Co. als „liberal-libertäre Ideologie – als neuen Geist des Kapitalismus“. Das ist einfach zu verstehen, wenn diese Firmen ihr Geschäftsmodell auf Transparenz bauen, die sie selber nicht geben. Ein Besuch in der Facebookzentrale in Dublin zeigt viele verschlossene Türen. So wird auch ein Julian Assange vom Netzapolegenten zum Internetskeptiker, der „Facebook die postmoderne Version der Stasi nennt“.

antipolitischen

„Man stopfe den Leuten den Kopf voll unverbrennbarer Tatsachen, bis sie sich zwar überladen, aber doch als Fundgrube des Wissens vorkommen. Dann glauben sie denkende Menschen zu sein und vom Fleck zu kommen, ohne sich im Geringsten zu bewegen.“ Kaum ein Satz aus Ray Bradburys Fahrenheit 451 passt besser auf den aktuellen Overload an angeblichen Informationen, mit denen sich Otto-Normalbürger im realen Leben nicht mehr wirklich auseinander setzen kann.

Ist die Forderung nach Transparenz und direkter Demokratie im Netz durch Web 2.0 Technologien wirklich wünschenswert? Oder entsteht nicht dadurch eine neue Antidemokratie bis hin zur Unregierbarkeit? Und wie weit wirkt sich das auf die handelnden Akteure aus?

Das kleine 111 Seiten starke Buch kann ich jedem empfehlen, der sich mit unserer Gesellschaft auseinandersetzt. Ich bin beim Lesen regelmäßig mit der Realität konfrontiert worden.  Egal ob Flüchtlingsproblematik oder Pegida, Netzneutralität oder TTIP – Jacques de Saint Victor hat anhand seines Aufmachers  einen Sachstand der Mediendemokratie aufgezeigt wo es aktuell mehrere Verlierer gibt, die eigentlich alle verteidigen wollen: Die Wahrheit und die Vernunft. Das Buch lässt mich ratlos zurück bestätigt jedoch leider mein subjektives Gefühl.

Die Antipolitischen
von Saint Victor, Jaques de
Gebunden
Mit e. Kommentar v. Raymond Geuss .
2015 , Hamburger Edition
ISBN 3-86854-289-2

ScG – Gerald Schleiwies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s