Auerhaus – Our House

Ist dieses Buch noch ein Geheimtipp? Scheinbar ja. Die Bildzeitung erhob vor der Frankfurter Buchmesse dieses Werk zu den 10 wichtigsten Neuerscheinungen in der Belletristik. Auf Seite 1! Auf die Bildzeitung bin ich eher zufällig gestoßen – sie lag im ICE einfach so rum.

Trotzdem stieg Auerhaus nie in die Bestsellerlisten ein. Dabei macht das Buch einfach nur Spaß obwohl es eher tragikomisch daherkommt. Wer in den 1980er Jahren seine Jugend erlebt hat, wird sich hier wiederfinden.

Anfangs sind sie zu viert. Vier 18-jährige, die in ein altes Haus ziehen und eine Schüler-WG gründen um einen der ihren zu schützen. Frieder hatte versucht sich umzubringen, seine Freunde wollen nun auf ihn aufpassen. Es sind die 80er, die vier stehen kurz vorm Abi und sind auch froh endlich vom Elternhaus wegzukommen. Jeder von ihnen hat so seine ganz eigenen Probleme. Aus den vieren werden schnell sechs Bewohner und es sind gerade die großen Themen wie Klauen, Bundeswehr (insbesondere die Musterung), Drogen, Suizid, Schwul sein, aber auch Verantwortung für den Nächsten und Gedanken über das Leben an sich und wie es weitergehen soll, die die Bewohner des Hauses bewegt. Es geht um das erste Abnabeln, sich erwachsen fühlen und erwachsen sein, um ein Miteinander, um Liebe und um Freundschaft, um Verantwortung. Das klingt eher nach einem schweren Stoff. Doch das ist es nicht. Die Sprache ist entsprechend schnodderig:

„Sogar ein bisschen Kunst kam dran, und Literatur. Frieder sagte: ‚Literatur, das ist das Klopapier, mit dem sich jedes Arschloch putzt‘. Fand ich heftig.“

Auerhaus

Die Bewohner des Auerhauses, benannt nach dem Madness Song auf der Kassette, die nicht mehr aus dem einzigen Abspielgerät der WG zu entfernen war, fanden sich normal.

„Seltsam waren die anderen in der Klasse. Die, für die alles weiterging wie immer. Hätte man sie vor der Klausur gefragt : ‚Wozu lebst Du eigentlich?*, hätten sie geantwortet: ‚Das kommt nicht dran, das müssen wir nicht wissen.‘ Sie waren auf der Oberschule zuhause. Sie verpuppten sich, machten Abi und studierten, und wenn der Kokon platzte, sahen sie aus wie ihre Eltern. Sie übernahmen die Praxis, die Kanzlei, das Ingenieurbüro. Sie erbten von ihren Eltern das Abitur und das Leben. Sie kannten den Song, aber sie waren nicht sauer, wenn sie ihn sangen, sondern sie lächelten verzückt: ‚Birth, School, Work, Death.’“

Hätte Tschick zwei Jahrzehnte früher gelebt und wäre beim Auerhaus vorbeigekommen, er hätte seine Reise abgebrochen und wäre dort eingezogen. Da bin ich mir sicher. Wer Herrndorfs „Tschick“ gern gelesen hat, wird Bjergs „Auerhaus“ lieben.

Noch ein letzter Auszug, weil es einfach so viel Spaß macht:

„Kleine Autos fuhren auf den Parkplatz, Hausfrauen stiegen aus und guckten mich misstrauisch an, als ob ich scharf drauf wäre, irgendwelche Hausfrauenzweitwagen zu knacken, gingen in den Supermarkt, kamen mit vollen Einkaufswagen wieder raus und guckten mich immer noch misstrauisch an und prägten sich mit verstohlenen Blicken mein Gesicht ein, damit sie Aktenzeichen XY behilflich sein konnten, ein erstklassiges Phantombild des berüchtigten Hausfrauenzweitwagenknackers zu erstellen, und dann stapelten sie die Einkäufe in den Kofferraum, die Pappkiste mit dem Blumenkohl und dem Lauch und dem Paprika, den roten Kasten mit Cola, Diätcola, die durchsichtigen Plastikbeutel, aus denen Aufschnitt und Koteletts rosa schimmerten, die grellbunten Kinderjoghurts, die Viererpackungen Küchenrollen, die Achterpackungen Klopapier und die Sechzehnerpackungen Taschentücher, und dann drückten sie Heckklappe zu, so vorsichtig, dass sie wieder aufsprang. Sie drückten noch einmal, diesmal fester, pressten Küchenrollen, Klopapier und Taschentücher zusammen, beim zweiten Mal klappte es immer, ein prüfender Blick, die Heckklappe blieb zu, dann stiegen die Hausfrauen in ihren Hausfrauenzweitwagen und rollten wieder vom Parkplatz runter, Richtung Hausfrauenzuhause.“

ScG – Gerald Schleiwies

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