Und? Was wird 2016? – Ein Ausblick aus dem Kleinen ins große Ganze und wieder zurück

Wieder ein Jahr rum!

Toll!

Und?

Nein, das wird kein Blick zurück im Zorn. Aber das Letzte war für die Stadtbibliotheken Salzgitter kein leichtes Jahr. Und das nächste wird auf jeden Fall anders. Aber auch besser? Zu einem großen Teil haben wir das selbst in der Hand.

Große Schritte haben wir gemacht. Im Januar haben wir MARC 21 eingeführt. Es war gut das so früh getan zu haben. Nun wird das alte Datenformat abgeschaltet. Der Nutzer merkt davon erst mal nicht viel – aber es hat uns alle gefordert. Die Softwareumstellung nötigte uns 4 Tage Schließzeit ab. Auch hier merkt der Endverbraucher erst einmal nicht viel davon. Oder doch! Für 2016 können wir folgende Verbesserungen anbieten, die bereits jetzt laufen:

  1. Zwei Tage vor Fälligkeit der Medien versenden wir nun eine „freundliche Erinnerung“ per Mail. Diesen Wunsch hatte ich schon seit Jahren.
  2. Der Books-to-Go Service ist nun automatisiert. Sie können auch vorhandene Medien im Katalog bestellen bzw. vormerken und sich in ihre Heimatbibliothek schicken lassen. Auch diesen Wunsch im Bereich „Service“ hege ich seit langem. Nur am Rande sei erwähnt, wie viel Aufwand dafür hinter den Kulissen betrieben wird und wurde, damit das überhaupt möglich ist. So manches Mal holpert es noch. Aber der Service steht.
  3. Neue digitale Angebote befinden sich in der Startphase. Eine Sprachlernmodul befindet sich in Arbeit und die Genios E-Bib Solution kommt hoffentlich ab Februar. Neben der E-Ausleihe und Munzinger kommen also zwei weitere digitale Angebote dazu. Das ist alles nicht kostenlos zu haben. Bald 20% unseres Medienetats gehen in digitale Angebote.

Und hier komme ich vom kleinen Salzgitter ins große Ganze. Es findet ein medialer Wandel statt, der die öffentlichen Bibliotheken in ungekannter Wucht trifft. Mein Kollege Bernd Schmidt-Ruhe aus Mannheim fasst das im Februar auf der 13. Inetbibtagung in einen Satz: „Flieht ihr Narren! Warum es öffentliche Bibliotheken in 20 Jahren nicht mehr geben wird“. Natürlich soll das Aufwecken und die Ängste vor der Zukunft begleiten die Bibliothekare seit ewigen Zeiten. Doch dieses Mal sieht es anders aus. Das hat in 2016 unmittelbare Auswirkungen auf unseren Bestand.

  1. Bereits die Kleinsten wachsen heute mit Tablets auf. Wie können wir Sie da begleiten und Leseförderung betreiben?
  2. Einem Großteil reicht Google und Wikipedia zur Beantwortung ihrer Fragen. Wie und wo kann Bibliothek da verlässlich unterstützen, wenn es dort nicht mehr weitergeht?
  3. Der Träger Vinyl erlebt eine Renaissance, die CD jedoch einen Abschwung. Musik ist heute digital. Ist Bibliothek da noch ein Anlaufpunkt?

In der Fachzeitschrift BUB gibt es in Ausgabe 12/2015 einen Aufsatz der Kollegin Beate Detlefs in dem berichtet wird, das die öffentliche Bibliothek Kopenhagen sich von 1/3 des Bestandes trennt. Die Kriterien sind genannt:

Fachliteratur, die in den letzten zwei Jahren weniger als drei Mal ausgeliehen wurde, und „Schöne Literatur“, die in den letzten zwei Jahren weniger als fünf Mal ausgeliehen wurde, werden aus den regalen genommen. CDs werden im Katalog gelöscht, wenn sie in den letzten zwei Jahren weniger als fünf mal ausgeliehen wurden, und Zeitschriften werden markant in der Exemplarzahl reduziert.

Die Stadtbibliothek der Zukunft wird sich nur noch zum Teil über Ihren Medieninhalt bestätigen. Wenn die Stadtbibliothek Salzgitter diese Massstäbe anlegen würde heißt das im Umkehrschluß jedoch auch Goethe, Schiller und viele weitere Klassiker sind nicht mehr im Bestand! Und hier offenbart sich ein weiteres Problem, was die Kollegin in zwei Sätzen zusammenfasst und hier im Kollegium auf vollste Zustimmung traf:

„Die öffentlichen Bibliotheken sind in einem Dilemma. Auf der einen Seite haben sie ein treues, alterndes Publikum, das die Bibliothek so liebt, wie sie vor 15 Jahren war und das nicht möchte, das sich etwas ändert. Auf der anderen Seite können sie die vielen jungen Leute nicht für sich gewinnen, weil diese nicht verstehen können, warum das mit der Ausleihe von E-Büchern so beschwerlich sein muss und warum nicht einfach alles im Netz zugänglich ist.“

Nun hat die Stadtbibliothek Salzgitter gegenüber vielen anderen Bibliotheken in Deutschland zwei ganze große Vorteile.

  1. Wir sind jung! Das Durchschnittsalter der Mitarbeiter wird ab März 2015 auf knapp über 40 Jahre sinken. Dienstplankoordination per WhatsApp? Wird hier freiwillig gemacht. Die meisten haben keine Angst vor dem medialen Wandel, sondern leben ihn.
  2. Wir haben Platz! Die Stadtbibliotheken verfügen in den drei Ortsteilen über den Raum, den wir in Zukunft brauchen. Wir müssen ihn evt. nur dafür herrichten. Weniger Regale, mehr Sitz- und Arbeitsmöglichkeiten.  Jana Haase schrieb in der gleichen Ausgabe „Drei mal WLan und zwei Kaffee bitte…“ – hier bei uns ist das schon Realität.

Schlagzeilen aus dem Buchreport wie „Mobiles Millenium“ (Ausgabe 49/2016 vom 3. Dez.) oder „Lese-Erosion bei Teens“ (Ausgabe 40/2016 vom 1. Okt.) zeigen, dass das gesamte Verlagswesen vor Herausforderungen steht. Der durchschnittliche Zeitungsleser ist über 60 in Deutschland, die jüngeren konsumieren zwar auch Nachrichten – jedoch nicht mehr über Papier. Nur 1 Prozent der 14 – 29 Jährigen liest noch eine Papierzeitung. Verlagsprojekte wie „ZiSCH“ (Zeitung in Schule) bekommen da eine ganz andere Bedeutung.

Doch was ist wichtig neben dem Bestand? Ganz klar die Vermittlung! Für Salzgitter heißt das die weitere Intensivierung mit allen Bildungsträgern. 2.200 Flüchtlinge leben zur Zeit in Salzgitter. Welch eine Aufgabe! Die Stadtbibliotheken sind die Institution „Hilfe zur Selbsthilfe“. Für diese neue Zielgruppe wurde hier einiges getan.  Es freut mich daher ganz besonders, das man an mich gedacht hat und mir die Moderation  zum Thema „Willkommenskultur – Grundlagen“ auf dem nächsten Bibliothekskongress in Leipzig angetragen hat. Und natürlich bleibt der Lern- und Treffpunkt. Besucherzahlen und Vermittlungskontakte werden hoffentlich bald wichtiger als Ausleihzahlen.

Werfen wir nun auch alle Medien weg? Nein, aber der Bestand wird sich verändern. Neben dem digitalen Budget wird es mehr Geld für Belletristik geben. Sachbücher und Musik-CD werden auf neue Kernkompetenzen geprüft. Medienetat kann jede Bibliothek nicht genug haben, wir werden es mit dem geplanten jedoch schaffen. Was mir mehr Sorge macht ist die personelle Ausstattung. Wenn wir hier für die Zukunft fit bleiben wollen muss zumindest ein Butterklecks an die Fische. 2016 wird spannend. Auf ein gutes Neues.

ScG – Gerald Schleiwies

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s