Was für eine Auskunft! – Rückblick auf den Bibliothekskongress in Leipzig

Der Bibliothekartag bzw. der Bibliothekskongress (unterschiedlicher Name je nach Ausrichter) in Leipzig zählt seit Jahren zu den festen Reiseterminen. Ich möchte hier noch einmal betonen, das mir die Kollegen alle „Viel Spaß“ und „Feiere schön!“ wünschen, aber das betrifft meist die Abende. Tagsüber sitzt man in einem großen Kongresskomplex und ernährt sich von dem was die Standanbieter immer so mal so herauscaterern und damit dann zeitweilig die Gänge verstopfen (Stichwort: bibliothekarische Futterblase). Ansonsten sitzt man in überfüllten Sälen mit viel zu wenig Steckdosen und zum Teil ohne Tageslicht oder wetzt durch die Ausstellungshallen und trifft seine Geschäftspartner um Probleme zu klären oder Neuigkeiten zu bestaunen.

Die KollegInnen stecken zum Teil viel Arbeit in ihre Vorträge, doch es gibt auch einfach langweilige Veranstaltungen oder man erwartet einfach etwas anderes. Bis zum dritten Tag hatte ich noch nicht so den richtigen Knaller gefunden. Aber das Beste kommt ja bekanntlich oft zum Schluß. In einem Vortragsraum, an dem die zuletzt eingetroffenen Kollegen entweder in der vordersten Reihe teilnehmen konnten oder wieder mal an den Wänden aufgehängt wurden ging es um ein zentrales Thema aller Bibliotheken: die Auskunft. Und ganz ehrlich, damit wurde sich länger nicht beschäftigt.

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Und es stellen sich viele Fragen. Gibt es noch Auskunftstische, wäre ein „Flying Librarian“, also jemand der ständig durch den Raum geht die Lösung und vor allem wie hat sich die Auskunft verändert und ist es Zeit für neue Standards? Es gab dazu keine Vorträge, sondern es sollte ein offener Austausch sein. In Salzgitter teilen sich seit einiger Zeit FaMis (also der mittlere Dienst) und die Bibliothekare (der gehobene Dienst) diese Aufgabe. Gibt es da Abstriche in der Qualität und ist das möglich?

Hierzu muss ich weiter ausholen und erklären wie wir in Salzgitter arbeiten. Der „Infodienst“ so der hochoffizielle Name, wurde bis vor zwei Jahren im Dreischichtsystem in Lebenstedt gefahren – alle drei Stunden gab es einen Austausch. In Bad und Fredenberg ist ein Zweischichtsystem die Regel. Dieser dauert etwa vier Stunden. Da die einsetzbaren Köpfe immer knapper wurden, sind in den letzten Jahren immer wieder FaMis eingesprungen und wurden zuletzt im Regeldienst eingeplant.

Ähnlich wie in München wurden vor Jahren mal Standards erstellt. Diese sind jedoch mit der Zeit nicht mehr praktikabel. Die Anforderungen haben sich geändert.

Lebenstedt: Hier beschäftigen uns die Internet-PC und ihre Anwendung, die WLan Zettelchen und damit die Eingabe diverser Codes in diverse mobile Geräte. E-Book Reader sind ebenfalls kein Fremdwort und wenn doch mal eine klassische Literaturfrage kommt können wir noch immer helfen. Doch genau hier wird es spannend;  an der Infotheke gilt auch für die Auskunft, das Fragen erlaubt ist – bei den Kollegen.

Bad: hier wurde vor zwei Jahren eine kleine Tourismusabteilung für diesen schönen Ortsteil installiert. Neben den auch hier üblichen Gebühren- und Verlängerungsfragen kennen wir uns auch mit der Hotellandschaft aus und wissen über Radwege oder Schwimmbadöffnungszeiten Bescheid.

Fredenberg: hier ist die Info am Aktivsten. Die Standardfragen sind nicht so häufig, wie in den anderen Bibliotheken. Doch Fredenberg ist auch Schulbibliothek, hier ist eine offne Herangehensweise gefragt – denn der Schüler fragt oft nicht von sich aus (auch wenn sie das in den Klassenführungen lernen).

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Natürlich beantworten wir auch Fragen per Telefon und Mail, der Chatdienst wurde vor längerem eingestellt, nachdem sich das Programm Meebo Mitte 2013 durch Google ins Nirvana verabschiedet hat und wir keinen kostengünstigen Ersatz gefunden haben. Die Erfahrungen aus der Stadtbibliothek Erlangen mit Whats App sind auch nach längerer Zeit nicht so vielversprechend, wie uns auf der Kongressrunde erklärt wurde.

Braucht es heute noch ein studiertes BibliotheksWesen an der zentralen Information? In Libess 10-2015 wurde ein Artikel über die „Zukunft der Auskunft“ publiziert, der sich auch mit der Fragenhäufigkeit beschäftigte. Auch in Salzgitter überwiegen technische und örtliche Orientierungsfragen. Verlängerungen und Gebührenfragen werden seit jeher vom mittleren Dienst wahrgenommen. Gefühlt sind 90% der Zeit an den Infodiensten in Salzgitter in meinen Augen eine klare Aufgabe für die FaMis.

Doch der Rest hat es in sich. Literaturanfragen, die zum Teil profundes Allgemeinwissen voraussetzen. Knifflige Sachfragen, die erst im Kundengespräch erarbeitet werden müssen und nicht zuletzt die Facharbeitsrecherche – die Königsdisziplin, weil hier auch Recherchekompetenz vorhanden sein muss.  Doch genau hier haben alle Diskussionsteilnehmer das Problem, dass diese zeitintensive Bearbeitung meist nicht ad hoc bearbeitet werden kann und eigentlich in Ruhe besprochen gehört. Meist bildet sich dann jedoch eine Schlange und die Ungeduld nimmt schnell zu und die fragende Person möchte auch nicht die anderen Aufhalten. Hier kam ein Vorschlag der TU Ilmenau, genau für diese Gespräche ein Back Office in einem getrennten Raum einzurichten.

Diese Idee fand allgemein Anklang. Doch wie kann so etwas in Salzgitter aussehen. Im Erdgeschoß dieses Kongresszentrum stellte eine bekannte Möbelfirma ihre modularen Arbeitskabinen aus, die von den Teilnehmern sehr gut angenommen wurden.

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IMG_20160316_172118Zweiter Effekt, wenn diese Boxen nicht für die Beratung gebraucht würden, kann man Rückzugsräume für das ruhige Arbeiten schaffen ohne gleich die Bibliothek umzubauen. Ich hoffe, wir beschäftigen uns auch beim nächsten Bibliothekartag 2017 in Frankfurt mit dieser Thematik, denn Auskunft bleibt ein zentrales Merkmal von Bibliothek. Man könnte dann zum Beipsiel mal darüber reden, mit welcher Gehaltsgruppe diese sich veränderten Infodienste sich denn vergüten lassen. Aber eher gehe ich wohl in Rente, als das die BAT Stellenbeschreibungen mal ins TVÖD Gehaltsgefüge einsortiert werden – und das dauert noch ein Vierteljahrhundert.

ScG- Gerald Schleiwies

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2 Antworten zu “Was für eine Auskunft! – Rückblick auf den Bibliothekskongress in Leipzig

  1. Lieber Herr Kollege,
    ein schöner Artikel zu einem interessanten Thema. In der Stadtbibliothek Sonneberg wurde die Infotheke vollkommen eingestampft. Anfragen werden nun von den zwei Kollegen an der Ausleihe mit übernommen, von denen eine nicht vom Fach ist. Auch keine besonders gute Voraussetzung, wenn es z. B. um die Literaturrecherche für die Facharbeit geht.
    Aktuelle Vergütungsrichtlinien wünsche ich mir auch, aber wie Sie schon sagen, wird das wohl nicht in absehbarer Zeit passieren.
    Viele Grüße aus Thüringen

    • Ihr habt keine Infotheke mehr? Echt schade. irgendwie gehört für mich aus Nutzersicht dieser spezielle Anlaufpunkt immer mit zu einer Bibliothek. An der Ausleihe will ich meine Bücher abgeben oder ausleihen und Meine Fragen, in Ruhe stellen, wo es vielleicht nicht gleich der nächste Nutzer hinter mit hört.
      Für die richtige Vergütung, kann ich jedem nur die Daumen drücken und den Kopf schütteln, wenn es nicht passiert. – Sü

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