Ist das Buch das neue Vinyl?

Nächste Woche ist Buchmesse und damit der Zeitpunkt, dass sich die Papiermedien mal wieder mit dem Buch an sich beschäftigen. Neben den üblichen Lesebefehlen, Lesekanons und „must-have-readings“ beschäftigt man sich auch immer gern mit dem Digitalen.

Und hier gibt es Interessantes zu bestaunen. Das E-Book wächst nicht mehr. Alle Visionen und Vorhersagen der letzten Jahren von den Analysten, Wahrsagern und Zukunftsforschern können in die Tonne. Bei Statista findet man dazu folgende Grafik:

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Seit Jahren beschäftigt sich die Stadtbibliothek bereits mit dem E-Book und hat bereits viele Trends quasi als Bauchgefühl bereits geahnt:

  • Schülercenter oder Lerncenter in der E-Ausleihe sind gefloppt
  • Es lesen nicht die Jüngeren pauschal elektronisch, sondern insbesondere die Älteren und Vielleser greifen zum E-Book
  • E-Book Reader leben in Coexistenz mit Tablets und Smartphones. Sie besetzen einen Nische, die jedoch alles andere als tot ist.

Ein weiterer Trend ist ebenfalls seit langem spürbar. Im Urlaub wird gerne wegen des Gewichts aufs Papier verzichtet. Auf Reisen nimmt man das E-Book. Zu Hause liest unser Nutzer gerne auf Papier weiter. Auch hier bietet Statista nun eine Grafik, die unser Gefühl bestätigt:

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Das Buch ist nicht tot. Die FAZ-Woche versteigt sich, passend zu ihrer Zielgruppe, das Buch zum Luxusgut zu erklären.

fazwoche

Das halte ich für zu weit hergeholt. Der Faksimile Markt wird überschaubar bleiben und Ausgaben wie „Sumo“ von Helmut Newton aus dem TASCHEN Verlag werden auch zukünftig nicht in den Bestsellerlisten auftauchen. Aber in einem gebe ich den Redakteuren recht und kann den Trend aus den eigenen Reihen bestätigen. Das Buch sieht wieder nach etwas aus! Die Wertschätzung für das Papier nimmt wieder zu. Ein paar Kochrezepte kann ich mir in Suchmaschinen und diversen Foren schnell herunterladen und nachbacken. Ein Kochbuch bräuchte man zum wirklichen Arbeiten nur in den seltensten Fällen. Aber Papier und Buchkunst machen heute aus dem Kochbuch ein haptisches Erlebnis. Es bringt Spaß, darin zu blättern und damit wird es auch bei uns ausgeliehen. Kochbücher bleiben in der Bibliothek beliebt.

Und bei den Romanen? Nicht zum ersten Mal schreiben wir hier über die bibliophile Liebe zu gut gemachten Büchern; z.B. bei den Minibüchern oder den Geschenkbüchern von Fischer, btb und Co., bei denen ich bevorzugt zugreife – selbst wenn ich sie nur selber lese bzw. mich selbst damit beschenke. Hier entscheidet der geplante Leseort des Nutzers über Papier und Digitalisat. Es sei denn, das Papier bietet einen klaren Mehrwert.

Aber hatten wir das nicht gerade schon mal? Die OTT-Studie bestätigt, 62% aller Deutschen nutzen keine CD mehr. Das Streamen legt überall zu, die Hälfte der jungen Menschen nutzt einen Musikstreamingdienst. Musik geht scheinbar einen anderen Weg des Erlebens. Mit einer Ausnahme: die Vinylproduktion auf den alten Maschinen läuft auf Hochtouren. 10% der Deutschen nutzen (wieder) Vinyl. Neben dem Klangargument ist auch hier das haptische Erleben von Musik Kern dieses Trends. Und er findet zu Hause statt – der tragbare Plattenspieler wird keine neue Renaissance erleben.

Nun gibt es einige Entscheider im Bibliothekswesen, die ihre Bibliothek am liebsten in Etwas Neues umwandeln würden, insbesondere nachdem sie in dänischen Bibliotheken vor lauter Raum die Bücher nicht wiedergefunden haben:

duesseldorf

Wenn man den Umfragen und dem Erlebten in der Bibliothek traut, dann sieht das veränderte Medienverhalten in Bibliotheken für mich anders aus:

  • Musik kann auch über ein Streamingportal angeboten werden, CDs werden weniger
  • E-Books sind gut bei Lesefutter, das Taschenbuch ist damit noch nicht aus dem Spiel – siehe Leseort
  • Hörbücher brauchen zwingend ein Downloadportal – Streamen sprengt die Bandbreite der meisten Flatrates
  • Sachbücher – müssen aktuell und gut aufgemacht sein. Dafür braucht es weiterhin Platz, auch wenn
  • Sprachen z.B. auch Online gelernt werden können und der ein oder andere Reiseführer auf einem elektronischen Derivat mitreist.
  • Kinder- und Bilderbücher werden weiterhin eine Zukunft haben. Apps sind bisher nur ein Nischensegment. Auch hier brauchen wir Platz zur Präsentation und Vermittlung. Letzteres ganz besonders.
  • Romane – bleiben auf Papier. Das haptische Erlebnis bliebt zu Hause das Maß der Dinge. Urlaubslektüre siehe Lesefutter.
  • Tageszeitungen brauchen weniger Raum – die Informationen haben unsere Nutzer schon lange Online, bevor sie auch nur etwas herunterladen müssen. Für die Recherche braucht es Onlineportale.
  • Zeitschriften werden bleiben, wenn sie gut gemacht sind. Hier gilt das gleiche wie für das Buch. Paradebeispiel der letzten Jahre ist die „Landlust“.
  • das Lexikon auf Papier ist tot und kann weg. Hier ist Online Trumpf.

Wer sich nun in unserer Stadtbibliothek umschaut sieht, dass wir dieses Nutzerverhalten im Bestand schon spiegeln bzw. uns intensiv Gedanken machen, wie ein entsprechendes bibliothekarisches Angebot dazu aussehen kann. Das Buch ist jedenfalls noch lange nicht nur Vinyl. Deswegen brauchen wir weiterhin Platz für Bücher. Und für Menschen haben wir bereits viel Raum.

ScG – Gerald Schleiwies

 

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