Aus dem Leben einer Bibliotheksdirektorin

Also gestern war ja der „Tag der Bibliotheken“. Leider haben wir verpasst dazu einen passenden Blogbeitrag zu erstellen. Das Leben ist auch schon so prall gefüllt mit Terminen. Besonders bei den Leitungskräften. Zudem müssen die sich ja viele Gedanken machen. Manche zeichnen sie auch auf, dann heißt es „Aus dem Leben des Bibliotheksdirektors„. Nicht viel anders ist das bei Tamara Gerrassimowna. Sie ist Bibliotheksdirektorin und findet sich im wunderbaren Buch von Anna Galkina „Das kalte Licht der fernen Sterne“:

kalte-licht-der-sterne

Diese Passage aus dem Buch möchte ich hier zitieren, denn genau so soll es wohl zu gehen, bei den Bibliotheksdirektoren.

Das Büro der Bibliotheksdirektorin Tamara Gerassimowna befindet sich direkt gegenüber der Eingangstür. Die Wände dieses wichtigen Zimmers sind mit Gemälden, Fotos, Blumentöpfen, Kerzenhaltern und anderem Schmuck dekoriert. Auf der Fensterbank wachsen in Zinkkisten allerlei Gartenkräuter. Im Regal daneben befinden sich ein bauchiger Samowar, ein Teekocher und eine elektrische Herdplatte, Bücher, Ordner, Kekse, Papier und Schreibmaschinen.

Manchmal steht die Tür zu ihrem Büro offen, so dass man sehen kann, was die Leiterin gerade beschäftigt. Und das ist nicht unerheblich. Denn je nachdem, welches Buch die Direktorin gerade liest, ist sie entsprechend gelaunt. Und dabei ist es nicht unbedeutend, ob es sich um einen Liebesroman, einen Krimi oder Fachliteratur über Pflanzenpflege handelt. Auch die Haltung der Direktorin wird von ihrer Lektüre bestimmt. Je nachdem, ob sie beim Lesen sitzt, liegt oder gar nervös mit dem Buch in der Hand im Büro auf und ab geht. Kein Wunder, dass ihre Mitarbeiterinnen (und somit auch Tatjana) solch ein ungesundes Interesse am Büro der Direktorin zeigen und heimlich versuchen, Einblicke in den Alltag ihrer Chefin zu erhaschen.

Meistens ist die Tür jedoch verschlossen. Als Direktorin braucht Tamara Gerassimowna schließlich ihre Ruhe, um die verantwortungsvollen Aufgaben zu erledigen. Und das sind nicht wenige.

Der alltägliche Kleinkram, der darin besteht, die Korrespondenz zu beantworten, mit Filialen zu telefonieren, Buchbestellungen aufzugeben und die Bücher in Empfang zu nehmen, zählt nicht dazu. So etwas kann jeder, auch ohne entsprechende Ausbildung. Viel bedeutender ist, dass Tamara Gerassimownas Ehemann Wiktor von seiner ersten Frau misshandelt und mit schlechter Nahrung geschädigt wurde und nun die Folgen davon trägt. In Form einer Gastritis, die schleichend in ein Magengeschwür übergehen kann. So etwas sollte man unbedingt im Auge behalten, gesunde Ernährung ist ein Muss. Das hat der Arzt gesagt, und ärztlichen Rat hat man ernst zu nehmen.

Tamara Gerassimowna, seine zweite Frau, hält sich daran. Jeden Tag kocht sie Wiktor eine Suppe auf der Herdplatte im Büro. Die Zutaten müssen frisch sein und täglich auf dem Markt gekauft werden. Nicht dass Tamara Gerassimowna während der Arbeitszeit selbst einkaufen gehen würde. So etwas darf man sich als Direktorin nicht erlauben, dafür gibt es die Planungsabteilung. Und wenn Tamara Gerassimowna es im Alltagstrubel nicht vergisst, wird der Kaufbetrag sogar erstattet.

Ist das Mittagessen fertig, kommt der hungrige Ehemann in die Bibliothek. Dann wird die Bürotür für ungefähr eine Stunde verschlossen und mit dem Aushang Konferenz: Bitte nicht stören! versehen. Als Gastritispatient braucht man bei der Nahrungsaufnahme absolute Ruhe.

Wenn der Gatte versorgt ist, kann Tamara Gerassimowna endlich selbst eine Mittagspause machen. Die kollegialen Beziehungen wollen nämlich auch gepflegt werden, und dafür ist gemeinschaftliches Speisen genau richtig. Also schließt sich Tamara Gerassimowna umgehend den Mitarbeiterinnen der Planungsabteilung beim Mittagessen am großen Tisch an. Danach muss die Direktorin ein paar wichtige Telefonate führen. Meistens mit ihrem Sohn oder mit der Tochter. Und da kommt auch schon der Bibliotheksfahrer Jurij Stepanowitsch mit einer Lieferung zurück. Dabei handelt es sich nicht um irgendwelche Bücher, sondern um fünfundzwanzig Kilo Kartoffeln. Die hat Jurij Stepanowitsch für Tamara Gerassimowna sehr günstig bei einem Bauern eingekauft. Solch herausragende Leistungen müssen gelegentlich belohnt werden. Das weiß auch Tamara Gerassimowna, darüber muss sie nicht großartig nachdenken. Dass die Chefin ihm immer das Gleiche schenkt, stört Jurij Stepanowitsch wenig. Wodka schmeckt ihm zu jeder Jahreszeit.

Kaum ist der Fahrer weg, steht ein anderer wichtiger Besucher vor der Tür. Diesmal ist es Olga Michailowna, Tamara Gerassimownas Busenfreundin. Sofort wird eine Mitarbeiterin zur nächstgelegenen Bäckerei entsandt, bald kocht das Wasser und kurze Zeit später stehen schon der Samowar und süßes Gebäck auf dem Tisch. Dann genießen Tamara Gerassimowna und Olga Michailowna aromatischen schwarzen Tee mit Rosinenstrudel und unterhalten sich über Hunde, Kinder und Männer.

Der Arbeitstag ist anstrengend genug. Doch als Direktorin darf man sich noch nicht einmal eine kurze Verschnaufpause gönnen. Deswegen sieht es Tamara Gerassimowna gelassen, dass sie, sobald die Teekonferenz beendet ist, schon wieder Besuch empfangen muss. Zum Glück besitzt ihre Tochter Taktgefühl. Schnell liefert sie das Baby bei Tamara Gerassimowna ab und verschwindet umgehend wieder, um die Mutter nicht von der Arbeit abzuhalten. Oder aus einem ganz anderen Grund. Das wird spätestens dann klar, als sich im Büro der Leiterin langsam ein verdächtiger Geruch breitmacht. Doch als Direktorin hat man für solche familiären Angelegenheiten kaum Zeit. Das müssten die Angestellten eigentlich genau wissen. Aus diesem Grund macht Tamara Gerassimowna die Tür möglichst weit auf, um den unangenehmen Geruch rauszulassen und die Mitarbeiter an ihre Pflichten zu erinnern. Weil sich aber keiner meldet, legt sie das Kind unauffällig mitten auf dem Boden der Planungsabteilung ab. Es ist nicht weiter schlimm, dass die Tochter mal wieder weder Windeln noch Höschen zum Wechseln dagelassen hat. Natalja Jurijewna und Olga Wladimirowna werden sich schon etwas einfallen lassen.

Dies alles erledigt, schaut Tamara Gerassimowna auf die Uhr, seufzt und stellt fest, dass der Arbeitstag schon zu Ende ist. Sie packt einen neuen Liebesroman in die Tasche, macht das Licht aus und schließt das Büro ab. Endlich geht es nach Hause. Dort wartet schon ihr Ehemann Wiktor auf sie.

Oder etwa doch nicht?

Ja, so ähnlich läuft das hier in den Büros (nicht) ab – aber Außenstehende stellen sich das sicher so oder ähnlich vor. Das ganze Buch ist hiermit noch einmal eindeutig von mir empfohlen und darf gerne bei uns ausgeliehen werden. Auch einen Tag nach dem Tag der Bibliotheken.

ScG – Gerald Schleiwies

 

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