Über Arbeitszeit oder Warum Bibliothekare früher verbeamtet waren

Sie müssen ja einen tollen Beruf haben! Den ganzen Tag lesen!“ Dieser Satz neben „Was, Bibliothekswesen kann man studieren?“ zeigt immer wieder die Fremdwahrnehmung des Berufsbildes. Das engagierte und studierte BibliotheksWesen in der öffentlichen Bibliothek hat da jedoch ein anderes Problem; denn wie soll man Bücher empfehlen, wenn man während der Arbeitszeit keine liest? Vor vielen vielen Jahren, der Tarifvertrag hieß noch BAT und nicht TVöD gab es noch Lesestunden. Ich selbst hatte zu Beginn meiner Karriere davon noch Zwei. Ältere KollegInnen berichteteten aus ihrem eigenen Erleben von vier oder gar sechs Lesestunden. Die Woche!

Wir lesen also in der Freizeit. Wie viele andere Menschen übrigens auch. Doch wenn uns etwas gefällt, dann geben wir es gerne während der Arbeitszeit weiter. Oder wir bloggen darüber. Viele Empfehlungen hier entstehen aus dem, was privat und außerhalb der Dienstzeit konsumiert wird.  Welch ein Engagement!

Aber wäre das nicht Arbeitszeit? Das Arbeitszeitgesetz definiert den Begriff „Arbeit“ nicht. In Art 2. Nr. 1 der Arbeitszeitrichtlinie 2003/88 EG vom 4.11.2003 steht:

Arbeitszeit ist „jede Zeitspanne, während der Arbeitnehmer arbeitet, dem Arbeitgeber zur Verfügung steht und seine Tätigkeit ausübt oder Aufgaben wahrnimmt.“

und

Ruhezeit ist „jede Zeitspanne außerhalb der Arbeitszeit.“

Spätestens jetzt ist klar, warum es keine Lesestunden mehr im Tarifvertrag gibt. Wir würden zu Hause permanent Überstunden schieben. Und das ohne Telearbeit. Ein Buch reicht.

Beim Beamten sieht das anders aus. § 54 des Bundesbeamtengesetzes sagt:

  1. Der Beamte hat sich mit voller Hingabe seinem Beruf zu widmen.
  2. Er hat sein Amt uneigennützig nach bestem Gewissen zu verwalten.
  3. Sein Verhalten innerhalb und außerhalb des Dienstes muß der Achtung und dem Vertrauen gerecht werden, die sein Beruf erfordert.

Bei einer kurzen Prüfung sehe ich bei vielen KollegInnen diesen Tatbestand erfüllt. Immerhin, nur außerhalb unserer Arbeit erfüllen wir DEN Teil der Fremdwahrnehmung: Wir lesen!

Verbeamtete Kollegen gibt es heute nur noch wenige. Ausnahmen in einzelnen Bundesländern bestätigen die Regel. Aber es erklärt, warum früher der Beamtenstand nicht unüblich war. Den man ging nicht nur davon aus, das die Bibliothekare lasen. Sie taten es. Und zwar so viel, das nur der Beamtenstand die Arbeitszeit durch die „Hingabe zu seinem Beruf“ wieder wett gemacht werden konnte.

Und heute? Wenn wir öffentlich über Bücher reden oder die dem geneigten Publikum vorstellen ist das Arbeit, das Lesen derselben nicht. Wie man Bücher vorstellt, die man nicht gelesen hat, steht hier:

buechernichtgelesen

Ganz ehrlich. Das würde ich mich z.B. beim nächsten „Literarisches & Kulinarisches“ gar nicht trauen. Hier bekommen sie dienstlich vorgetragen, was privat gelesen.

ScG – Gerald Schleiwies

3 Antworten zu “Über Arbeitszeit oder Warum Bibliothekare früher verbeamtet waren

  1. Solche Lesestunden gehören meiner Meinung nach dazu. Man muss ja auf dem Laufenden sein, um seinen Beruf ordentlich ausüben zu können.In diesem Fall ist ja das „Lesen“ eine Arbeit. Nicht alles was man liest WILL man ja, manches muss man (aus Eurer Perspektive gesehen) sich rein zwingen. Es wäre ja schlimm, wenn Einem ja Alles interessieren müsste, oder?

    • Alles kann einen wirklich nicht interessieren. Dafür lese ich jetzt auch wirklich nur das, was ich will und nicht, was ich meine empfehlen zu müssen. Das geht dann darüber, dass Kollegen was anderes lesen und man sich dann austauscht. Gegen vorgeschriebene Lesezeit hätte ich aber nichts einzuwenden 😉 – Sü

  2. Pingback: Anderwelt: November 2016 – Zeilenendes Sammelsurium

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