Stefan Schulz „Redaktionsschluß“ und Yvonne Hofstetters „Das Ende der Demokratie“ – Nachlese

Nun ist es vorbei! Auch die Herbstveranstaltung zu Literarisches & Kulinarisches ist vorüber. Meinen Mitstreiterinnen gilt mein ganz besonderer Dank – Frau Symens und Frau Weber-Rothmahler. Es kann zuweilen sehr stressig werden, wenn der Termin immer näher rückt und die Fülle Bücher kein Ende finden will.

Frau Weber-Rothmahler und Frau Symens haben wunderbare Romane entdeckt und vorgetragen. Und obwohl die Reihenfolge vorab gründlich überlegt wurde, gab es Bücher, die zumindestens ein Durchatmen benötigten.

Schon nach dem ersten Termin am Dienstag von Literarisch & Kulinarisch gab es aus dem Publikum Vormerkungen auch auf die von mir vorgestellten Bücher. Puh, denn selbstverständlich finde ich das nicht. Als BibliotheksWesen ist man ein Teil der „Irgendwas mit Medien“-Gruppe, da stößt man auf Titel, die man eher aus eigenem Interesse vorstellt. Umso schöner, wenn das auf fruchtbaren Boden fällt und auch andere interessiert. In diesem Fall waren es:

Insbesondere Yvonne Hofstetters „Das Ende der Demokratie – Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt“ ist wahrlich kein einfacher Stoff. Doch nach der Wahl des neuen US-Präsidenten und erste wenige Tage nach konstituierenden Sitzungen der Kommunalparlamente nach der Kommunalwahl in Niedersachsen fällt der Titel doch auf fruchtbaren Boden.

In Zusammenhang mit Stefan Schulz „Redaktionsschluß – Die Zeit nach der Zeitung“ wird das Thema greifbar. Meine Notizen und Anmerkungen zu diesem Buch gibt es als Nachlese noch einmal hier:

Redaktionsschluss von Stefan Schulz: Der studierte Soziologe Stefan Schulz war FAZ-Redakteur und wurde als Blogger von Frank Schirrmacher ins Team geholt. Hier schreibt also ein Insider sehr kritisch. Andere Journalisten haben dieses Buch als sehr ehrlich und positiv aufgenommen, der Blick hinter die Kulissen ist also weder geschönt noch einseitig.

Das Ziel des Buches ist es herauszufinden, ob Medienverzicht die letzte Rettung vor dem Irrsinn der Welt ist oder ob sich nicht mit ein paar Tricks eine Nachrichtendiät gestalten läßt, mit der wir uns der Welt- und Nachrichtenlage wieder konstruktiv zuwenden.

Kennen Sie den wichtigsten Journalisten der Welt? Das ist Greg Marra! Okay, er ist eigentlich gar kein Journalist, auch kein Geisteswissenschaftler oder gar Literat. Greg Marra ist zuständig für den Newsfeedalgorythmus von Facebook und bestimmt mit seinem Datenstrom die Newsfeeds hundert  Millionen von Facebook-Nutzern – Tag für Tag. Nicht die Tageszeitung oder das Radio oder gar das Fernsehen bestimmen heute, was wichtig ist, sondern Klicks, Likes und Softwareprogramme – auch auf den Onlineseiten der Tageszeitung. Was wann gern angeklickt wird, wird gemessen und dafür wird geschrieben.  Das Interesse der Leser gilt also noch den Texten von „New York Times“, aber ihre Treue gilt heute Facebook. Das ist gemeint, wenn vom Medienwandel die Rede ist. Die Nachricht kommt heute aus der Hosentasche, doch was ist diese Nachricht wert? Ein Tweet hat heute eine Halbwertzeit von 24 Minuten.

Wer eine Zeitung las, informierte sich nicht nur darüber, was in der Welt vor sich ging. Er informierte sich auch darüber, was Menschen, die Zeitung lasen, lasen, wenn sie sich darüber informierten, was in der Welt passierte. Wer eine Zeitung liest, will wissen, was Präsidenten und Professoren wissen, denen er unterstellt, dass sie dieselbe Zeitung lesen. Doch das ist nun Vergangenheit. Wenn die Entscheider nicht mehr nach der Zeitung entscheiden – verliert sie ein Kernmerkmal. Noch glaubt 80 Prozent der Entscheiderelite an die Zukunft der Zeitung, ergab eine Umfrage des Capital Elite Panel. Schulz dreht die Umfrage um und meint, nun kennt man wenigstens die letzten 500 Zeitungsleser.

Sie müssen sich auch nicht um den Finanzdruck kümmern, die die Redaktionen ausdünnen. Schulz sieht in den USA und Deutschland darin Parallelen, dass nur noch die „Spaßmacher“ hinreichend über Themen informieren. Die „Heute-Show“ bringt Details, die in keiner Zeitung mehr stehen, z.B. zur Armenien-Resolution. Und diese Spaßmacher beschäftigen sich mit Personen, nicht mit Programmen. Wahlprogramme oder Wahl-O-Maten sind zwar Kriterien, jedoch nicht an der Wahlurne, weil wir etwas fühlen. Wir fürchten und hoffen. Und am meisten ignorieren wir. Wir vertrauen.

Schulz bündelt in seinem Buch mehr, viel mehr als nur das Thema Zeitung. Es geht um DRM, Newsapps und das möglichst kostenfreie Abschöpfen (sharen) von Inhalten der Redaktionen und Bloggern. Und, wir vertrauen Google. Und zwar Blind. 2015 wurde das erste Mal ein Ergebnis von Suchmaschinen relevanter und glaubwürdiger bewertet als ein Ergebnis einer Zeitung. Doch die Medienentscheider drehen auf öffentlichen Symposien die Statistiken so lange, wie es ihnen passt, z.B. Thomas Bellut vom ZDF. 26,7 Millionen Zuschauer hatten die Abendnachrichten beim Anschlag auf „Charlie Hebdo“ bei ZDF und RTL gesehen. Doch die Mehrheit der Zuschauer war über 65 Jahre. Nicht einmal 2 Millionen Zuschauer waren unter 40. Die Relevanz verlieren also nicht nur die Zeitschriften, sondern alle bisherigen Massenmedien. Und so greifen die ÖR zum einzigen Instrument, um im Segment der jungen Zuschauer Marktanteile zu erreichen – sie kaufen Rechte für Fußball und andere Sportveranstaltungen.

Schulz äußert sich auch zur Diskussion um die Lügenpresse und zitiert den Medienjournalisten und Medienblogger Niggemeier. Denn der Medienmainstream sorgt für Vertrauenserosion. Was sagt ein ZDF Politbarometer wirklich über die Arbeit der Politiker aus, außer einer Gefühlswelt? Auch Harald Schmidt hat aufgegeben. Den Zeitraum, innerhalb dessen das Mainstream-Publikum verdummte, schätzt er auf 10 Jahre. „Ödipus, Hamlet, Peter Handke und Max Frisch – das ist heute nicht mehr präsent“, sagt Schmidt.

Doch helfen den Zeitungen noch harte Schnitte? Die „New York Times“ schaltete das Redaktionssystem ab, damit die Journalisten ihr Produkt so sehen, wie die Konsumenten – auf dem Bildschirm ihres Smartphones. Und da schauen wir drauf – im Schnitt im 18-Minuten Takt, 88 Mal pro Tag. Da ist für lange Texte kein Platz mehr. Im Netz hört man nach spätestens 7 Minuten auf, einen Text zu lesen, so der Produktdesigner Mike Sall in einer Studie. Nach 90 Minuten ist die Seite von Spiegel Online einmal komplett überarbeitet. Manfred Spitzers empirische Beobachtungen, dass die meisten Menschen es nicht mal mehr schaffen würden, zu Hause anzurufen, wenn wir Schlüssel, Handy und Portemonaie verlieren, weil wir einfach die Telefonnummern nicht mehr im Kopf haben, kann ich sogar aus eigener Beobachtung nachvollziehen. Und ich will hier gar nicht weiter ausführen, was das im Endeffekt für unsere Bücher in der Bibliothek bedeutet.

Laut Stefan Schulz hilft uns eine Nachrichtendiät. Er plädiert bei den Abendnachrichten im TV anzufangen. Die Nachrichten sind austauschbar und die Stringenz kann das Format nicht halten.

„ZDF Moderator Thomas Walde kann minutenlang reden, ohne danach inhaltlich zitierfähig zu sein. Der ARD-Chefredakteur Rainald Becker bejubelt das Regierungshandeln regelmäßig auf eine Weise, die sogar Regierungssprecher Steffen Seibert peinlich wäre. Der Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, Sigmund Gottlieb, kann überhaupt nur als Lautsprecher der CSU sinnvoll charakterisiert werden. Redakteur Wolf Lotter, fasst das Dilemma in einen Tweet: „Viele Journalisten sind zuverlässigere Staatsverteidiger als die Spitzenbeamten, die ich kenne. Letztere wissen ja auch Bescheid.“

„Dass Bürokratien intern zu Zynismus führen, ist normal, ja sogar notwendig. Das Ausmaß des Zynismus in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten spottet aber allen Vorstellungen.“

Schulz beendet sein Buch mit Interviews mit Stefan Niggemeier, Constanze Kurz (CCH), Konrad Lischka und Dirk Baecker. Das Buch ist für alle Mediennutzer eine Offenbarung. Denn am Anfang geht es nur um die Zeitungskrise – am Ende geht es jedoch um die unbewusste Mediennutzung des Endverbrauchers. Das öffnet wirklich die Augen.

Während sich das Publikum nun um Demokratie und Meinungshoheit angesprochen fühlt, sieht der Bibliothekar in mir auch wichtige Fragen zum Bestandsaufbau und dem Grundauftrag der Informationsfreiheit, denn Art. 5 des Grundgesetzes gilt den öffentlichen Bibliotheken in Deutschland noch immer als höchste Legitimation. Der Medienwandel ist weit mehr als der Wechsel der Informationsträger.

ScG – Gerald Schleiwies

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3 Antworten zu “Stefan Schulz „Redaktionsschluß“ und Yvonne Hofstetters „Das Ende der Demokratie“ – Nachlese

    • Sie sind wirklich gut zu lesen und klären über einiges auf – ich persönlich war z.T. sehr erstaunt 🙂 Also viel Spaß beim lesen (wenn man das so ausdrücken kann 😉 ) – Sü

  1. Pingback: Über Wahrheit, Klarheit, Fake – und 1984 | Blog der Stadtbibliothek Salzgitter

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