Das Beste was wir tun können ist nichts

Zehntausend Dinge – Auf einmal war die Zahl in der Welt und wurde immer wieder abgeschrieben. Über zehntausend Dinge müllen angeblich den Haushalt voll. Zehntausend Dinge, die angeschafft und in Betrieb genommen, die repariert und ersetzt und Instand gehalten werden müssen, die immer zu laut oder zu leise sind, die immer langsamer werden oder zu schnell funktionieren, die hinter Sofas rutschen und wieder hervorgeangelt werden müssen, im Winter schnell spröde werden und im Sommer leicht austrocknen, die herunterfallen und springen, an denen man sich sticht und stößt, die einem die Bewegungsfreiheit rauben und manchmal den Schlaf, die an der Wand mit Nägeln befestigt werden müssen, die aus dem Putz brechen, deren Rahmen verbiegen, die zu modern anfangen oder versehentlich mit dem Altpapier aus dem Haus getragen werden, die man erst braucht, wenn sie verschwunden sind.

Das sind eindeutig zu viele Dingen, die einem am Nichtstun hindern. Björn Kern räumt auf. Doch nichts ist anstrengender als die Vorbereitungen fürs Nichtstun. Der Autor arbeitet sich essayistisch mit vielen kleinen Geschichten an diesem Thema ab – was den Text nun zum Sachbuch erklärt.

bjoernkern

Doch wo geht das am Besten? Und wo kostet das möglich wenig? Im Oderbruch! Dort besorgt sich Kern einen etwas baufälligen Resthof und bekommt ein Original als Nachbar hinzu. Der Nachbar, gelernter Ostdeutscher, lebt von Hartz IV und baut in seinem Garten fast alles an, was man so braucht.

Der Autor sieht sein Vorbild. Am besten autark leben. Doch vorher muss noch das Dach geflickt werden. Und die Kartoffeln ausgesät. Und überhaupt… – Dafür braucht er natürlich auch Hilfsmittel. Also ab in den Baumarkt.

Bis ihn der Nachbar mit dem ganzen billigen Plunder dorthin wieder zurückschickt und ihm die gute Wertarbeit aus der DDR leiht, denn geplante Obdeloseszenz war im Sozialismus kein Ziel.

Die Kapitel „Wie wende ich entbehrliche taten ab?“ oder „Nichtstun in der Unterwelt“ sowie „Geldverdienen unterm Birnenbaum“ klingen eher nach Ratgeber. Doch eigentlich zeigt Kern mehr oder weniger autobiographisch auf, welche Überlegungen und Fehler er am Anfang begangen hat um am Ende sich mehr dem Nichtstun zu widmen. Dabei hilft ihm die stoische Gelassenheit seines märkischen Nachbarn beinah als vernünftiges „Alter Ego“, denn „Wenn Du nichts tun willst, musste erst mal fleißig sein“ erklärt ihm sein von Hartz IV lebender selbstversorgender Nachbar.

Die Flucht auf einen alten baufälligen Hof ins Oderbruch macht dann leider sehr viel Arbeit. Quasi ein Wunder, das damit dieses Buch entstehen konnte. Doch Kern wird mit der Zeit gelassener: „Richtiges Sammeln ist Vorgezogenes Nichtstun.“ Und damit verdient er auch Geld – aber nur dadurch, das er auf seiner Bank sitzt und aufzählt, was er gerade alle nicht kauft.

ScG – Gerald Schleiwies

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