Die Stadt und ihre Bibliothek – Beitrag zur Münchener Blogparade

In Kürze findet in München ein interessanter Diskurs zum Thema Bibliothek im urbanen Raum statt. Die Einladung zur Blogparade findet sich in der Beschreibung zum Thema:

Die Internationalisierung der Städte und die fortschreitende Digitalisierung stellen öffentliche Institutionen vor große Herausforderungen. Die multikulturelle Gesellschaft verlangt nach anderen Programmen und Beständen. Die digitale Gesellschaft benötigt andere Architekturen und flexiblere Infrastrukturen, mehr Teilhabe und ein zeitgemäßes Verständnis von Gemeinschaft. Öffentliche Bibliotheken haben diesen Wandel vielleicht ein wenig früher bemerkt als andere Institutionen: Ihr Publikum ist diverser als das Publikum von Theatern oder Museen. Und: Die Digitalisierung ist bereits seit Jahrzehnten ein zentrales Thema der bibliothekarischen Arbeit.

Die Stadtbibliothek München und der dbv veranstalten diese Sitzung, an der ich leider nicht teilnehmen kann.

Während meiner ersten Studienzeit Ende der 90er Jahre waren kommunale Bibliotheksvergleiche wichtig. Man erarbeitete sich die Kosten- und Leistungsrechnung und der BIX, der Bibliotheksindex, war das Maß aller Dinge. Wer hier gut war, konnte sich in der Fachöffentlichkeit sehen lassen. Der Bix ist Geschichte und das ist in meinen Augen gut so, denn zuletzt waren nur Stadtbibliotheken in den ersten Rängen, die in einer Studentenstadt oder in einer Bildungsstadt standen. Die deutschen Bibliotheken entstanden aus der bürgerlich-liberalen Volksbildungsbewegung und sollten Bildung auch sozial schwachen und bildunsgfernen Gruppen ermöglichen, am Wissen zu partizipieren. Damals verschanzte sich das Personal mitsamt ihren Büchern hinter hohen Theken und wusste zudem, was gut für den Einzelnen war. Für kleinere, ehrenamtlich geführte Bibliotheken gab es Literaturlisten, was bei welcher Größe im Bestand sein sollte.

Diese Theken verschwanden wenige Jahrzehnte später. Der Freihandbestand ermöglichte den Zugang für alle. Noch in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts war das Thema „soziale Bibliotheksarbeit“ häufig in der Literatur zu finden.

Doch die kommunalen Kassen waren längst nicht mehr so gut gefüllt und die freiwillige Einrichtung Stadtbibliothek benötigte in Zeiten finanzieller Knappheit Faktoren für ihre gute Arbeit. Messbare Faktoren. Der Bestand wurde auf die ausgerichtet, die kamen. Es ist eine Binsenweisheit, dass oft die Menschen eine Bibliothek besuchen, die sie meist gar nicht nötig hätten. Die Ausleihzahl wurde zum heiligen Gral.

Mit dem Internet und der noch viel freieren Informationsbesorgung sinken die Ausleihzahlen. Die Gesellschaft verändert sich. Und die kommunalen Bibliotheken suchen neue „Geschäftsfelder“.

Da jagt nun eine Konferenz die andere. In München wird über urbane Öffentlichkeit und Architektur gesprochen. Wenige Tage vorher in Berlin bereitet OCLC eine Konferenz unter dem Titel „Library at the Crossroads“. Beide Sitzungen sind interdisziplinär aufgestellt. Die Gästeliste gleicht sich und immer wieder kommen prominente Beispiele, aktuell aus Skandinavien. Die Kulturhaupstadt Aarhus und sein Dokk 1 wurde im letzten Jahr seitens des Bibliotheksverbandes bei einer Pressereise besucht. „Open Library“, „Dritter Ort“ – möglichst groß und rund um die Uhr – die dänischen Bibliotheken zeigen uns ein Bild, das die deutschen Bibliotheken gerne adaptieren würden.

Auch Gäste aus Helsinki lädt man sich gerne ein. Die Library 10 gilt schon lange als Mekka, doch es ist nur eine von 70 (!) Bibliotheken in der Region rund um Helsinki. Und selbst auf Englisch gibt es eine Vorauswahl, was man sucht und in welcher Bibliothek es bereits steht:

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Aber das reicht nicht, denn Helsinki bekommt eine neue Stadtbibliothek. Sie wird „Oodi“ heißen, wie man vor kurzem verkündet hat. Und es wird für deutsche Verhältnisse geklotzt, wie man hier verfolgen kann: http://keskustakirjasto.fi/en/

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Also machen wir das doch einfach genauso, oder? Wir zeigen mit dem Finger nach Norden und sagen, das ist die Zukunft der Bibliotheken! Oder haben wir da etwas vergessen?

Ja!

Seit einigen Jahren habe ich die nordische Natur für mich entdeckt und habe hier im Blog immer mal wieder über die Kurzbesuche in den Schwedisch-Lappländischen Bibliotheken weit ab der großen Zentren berichtet, z.B. über Kiruna oder Jokkmokk und Lulea.

Selbst durch dünnst besiedelte Flächen gondelt ein Bücherbus; z.B. in Finnisch-Lappland, davon gab es später auch einen vielbeachteten journalistischen Titel in deutschen Tageszeitungen.

Und ja, es ist für uns beeindruckend. Und die großen Augen des kleinen BibliotheksWesens wollen das auch so bei sich.

Doch eines unterscheidet Deutschland von den skandinavischen Ländern eindeutig: Die homogenere Gesellschaft und ihr Bildungswille für Alle. Das sehr erfolgreiche finnische Schulmodell funktioniert hier genauso wenig wie die schwedische Kulturhäuser mit Bibliothek.

In der leider Ende letzten Jahres eingestellten Zeitschrift „Scandinavian Library Quarterly“ konnte man sich ein Bild machen über das, was die Skandinavier so bewegt und bewegen. Elektronisch und Open Access! In Deutschland haben wir ja schon da unsere Schwierigkeiten. Der Ausblick der letzen Ausgabe galt „Der Zukunft der Bibliotheken“

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Doch funktionieren die Ideen vom Marker Space und Idea Store wirklich auch in einer deutschen Mittelstadt? Was in Köln pressewirksam vorgestellt wird, ist auch etwas für Salzgitter?

Raum haben wir genug. Die Stadtbibliotheken in Salzgitter können sich nicht beklagen. Gut, skandinavisches Niveau ist auch das nicht – aber immerhin mehr als andere Bibliotheken bieten können.

Schnell kommt die Personalfrage. Brauchen die Bibliotheken mehr Personal? Und wenn, dann welches? Erst vor kurzem hat der Personalverband BIB dazu ein Papier veröffentlicht.

Doch zurück zu der Bibliothek dieses Blogs. Vor wenigen Tagen berichtete die regionale Zeitung von der Schuleingangsuntersuchung des örtlichen Gesundheitsamtes:

46,4 % der untersuchten Kinder sprechen zu Hause als erste Sprache kein Deutsch

Und natürlich bin ich mir bewusst, in welcher Stadt ich gerne lebe und arbeite. Statistiken und Graphiken dazu habe ich bereits gebloggt.

Salzgitter ist alles andere als Bildungsbürgertum und die Bevölkerung alles andere als wohlhabend. Hier ist nicht Grünwald, hier ist nicht Düsseldorf; hier ist bevölkerungstechnisch eher Recklinghausen oder Gelsenkirchen. Bei internationalen Vorträgen brauche ich nicht Göteborg, sondern Södertälje!

  • Den Raum also eher für ein MakerSpace Event oder einen Deutschsprachkurs der VHS?
  • Mehr Geld für die sehr gut von allein laufenden Filme oder doch für eine Sprach-App, die mühsam vermittelt werden muss?
  • Ist eine Bestandsgröße wichtiger oder doch die Anzahl der Leseförderprojekte und Klassenführungen ?

Und genau hier schließt sich der Kreis dieses etwas zu lang geratenen Beitrages. Die Lösung, welche Bibliothek die Kommune im urbanen Raum benötigt, ist meiner Auffassung nach im lokalen Raum zu suchen. Best Practice-Beispiele nehme ich gerne – doch immer nur zeitlich begrenzte, gut vermarktbare Leuchtturmprojekte helfen hier in Salzgitter nicht weiter.

Und so ende ich mal mit einem Screenshot auf der Homepage der Stadtverwaltung von Södertälje zu ihren Bibliotheken:

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70.000 Einwohner, fünf Bibliotheken und eine ganz einfache Startseite. Das Mädchen links ist nicht gerade eine typische Schwedin und der zweite wichtige Link gilt der Zusammenarbeit mit Schulen. Das ist nicht sexy, das ist sicher kein hypermodernes Leuchtturmprojekt. Aber es ist das, was die Stadt braucht. Und die Schreibwerkstatt ist das Projekt, was ich mir für Salzgitter noch einmal ganz genau ansehen werde.

ScG – Gerald Schleiwies

2 Antworten zu “Die Stadt und ihre Bibliothek – Beitrag zur Münchener Blogparade

  1. Pingback: Die Stadt und ihre Bibliothek – Fragen zur Münchener Blogparade

  2. Auch hier nochmal danke für den Beitrag! Der wiederholte Blick in den Norden Europas kann selbstredend nicht die Antwort auf alle Fragen sein – aber zum Sammeln von Ideen und Anregungen taugt es doch ganz wunderbar, auch und gerade, wenn man sie nicht übernimmt, da man dann einen weiteren Schritt zur Definition des eigenen Selbstverständnisses getan hat.

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