Kinderzeitschriften – Entscheidungsprobleme in der Genderfalle

Regelmäßig kontrollieren wir unsere Zeitschriften auf Ausleihnutzung. Das gilt auch für die Kinderzeitschriften. Das Angebot ist da zur Zeit etwas dünn und zudem einseitig. Neben Geolino mit Nebentiteln und National Geographic Kids ist nicht mehr viel Bestand da. „Zeit Leo“ wurde nicht angenommen, „Dein Spiegel“ tut sich schwer und gerne stellen Kinderzeitschriften auch einfach mal ihr Erscheinen ein, wie z.B. „Willi wills wissen“.

Also mal schauen, was es dann so gibt. Es eignen sich dafür die größeren Bahnhofsbuchhandlungen mit umfassendem Sortiment. Das BibliotheksWesen stürmt in die Plastikabteilung. Beinahe jedes Heft ist komplett verschweißt, damit das Gimmick nicht verloren geht, ohne dass ein solches Heft quasi unverkäuflich ist. Hinter die Kulissen der „Gimmifizierung“ hat mal der Kioskforscher geblickt.

Damit ergibt sich das erste Problem. Das so prominente Gimmick ist in Bibliotheken nicht verleihbar und auch nicht wirklich häufig nutzbar. Zudem kann der Inhalt erst nach Kauf überprüft werden. Auch nur daran zu denken, mitten in der Bahnhofsbuchhandlung mal eben die Blisterfolie neben sich zu häufen, um die Magazine bibliothekarisch zu begutachten, bringt zwar dem Kopfkino Spaß – doch ist in der Realität nicht ratsam.

Für das zweite Problem muß ich etwas ausholen. Die städtische Gleichstellungsbeauftragte fragt regelmäßig ab, ob unser Bestand den Genderrichtlinien entspricht und die Medien entsprechend einkaufen. Die in der Auslageware hinter Plastik verschweißten Begehrlichkeiten schreien mich jedoch an: „Ich bin Rosa und nur für Mädchen“ – „Ich bin blau (und schwarz) und für Jungen. Selten ist mir der redaktionelle Vorschlaghammer der frühkindlichen Stereotypenförderung doller um die Ohren gehauen worden als zwischen den Kinderzeitschriftenregalen von Bahnhofsbuchhandlungen. Tut mir leid, als Kind der 1970er Jahre kann ich das nicht gutheißen.

Es zeigt sich, dass wenn ich die 90% Klischee nicht beachte, nur noch oben genannter Bestand von Geolino& Co übrig bleibt. Und die Micky Maus – wer hätte das gedacht! Die seltsame Entwicklung von Geschlechterrollen selbst für Gurken im Glas wird mir nun klarer. Es gibt im Netz einige Seiten, die sich darüber entsprechend aufregen; z.B. http://ich-mach-mir-die-welt.de/tag/gendermarketing/ , wo die Prinzessinnensuppe neben der Feuerwehrmannsuppe steht, beide mit gleichem Inhalt, und das nicht mal der größte Quatsch ist. Die Satire Sendung Extra 3 hat das am 23.03.2017 neulich entsprechend behandelt:

Mir ist das Lachen leider im Hals steckengeblieben – ich ärgere mich über diese Auswüchse. Müssen deutsche Kinderbibliotheken bald in blaue und rosa Bereiche unterteilt werden, um weiterhin fit für die Zukunft zu sein?

Zurück zu den Zeitschriften, denn es gibt noch ein drittes Problem. Das Gimmick ist nicht zu groß, die Genderfalle schnappt nicht zu und auf den ersten Blick sieht das Heft von „Der kleine Rabe Socke“ sehr gut aus.

Die Kollegin mit Kindern im entsprechenden Alter verweist auf die vielen Malmöglichkeiten, den Bastelbogen zum Ausschneiden und andere Features, die nach Bearbeitung eher an den Titel „Mach dieses Buch fertig“ erinnern. Und wer kopiert wirklich vorher die Seiten, damit eine weitere Ausleihe möglich ist?

Die Auswahl in den Regalreihen schmilzt weiter. Das Heft „Tiere“ besteht nur noch aus bunten Bildern, die Pferdemagazine kennen beinah naturgemäß nur eine Zielgruppe und die Hefte, die auf TV-Serien basieren interessieren nur so lange, wie es die Serie im TV gibt. Das würde unsere Aboabteilung überfordern.  Wie stark die Auflagen schwankten, zeigt ein Screenshot von DWDL.de

Fazit: Die Entscheidung für Kinderzeitschriften ist nicht einfach. Es gibt viele Kriterien zu beachten. „Prinzessin Lillifee“ neben „Bob, den Baumeister“ zu stellen, um ausgleichende Gerechtigkeit herbeizuführen, ist keine Lösung. Ob dem „Playmobil Magazin“ noch ein „Playmobil Pink“ fehlte? Wenn die Kinder in Zukunft eine neue Zeitschrift in unseren Regalen entdecken, dann ist der Entscheidungsprozess bis dahin kein einfacher gewesen.

Und ein wenig sehne ich mich dann in die nordischen Länder, wo Geschäfte für Kinderbekleidung, wie „Polarn o. Pyret“ nicht nur zwei Bekleidungsfarben kennen und die Spielzeugkataloge schon seit Jahren geschlechterneutral daherkommen. Übrigens auch die Großen wie „Toys R Us“ können das dort. Achtet doch mal beim nächsten Fest, Ostern steht vor der Tür, auf die zusätzlichen Werbebeilagen der Spielzeughändler. Bibliotheken sollten mit ihrem Angebot allen Kindern einen Weg weisen, damit ihnen später alle Türen offenstehen. Ein wichtiges Mittel ist da der entsprechende Bestandsaufbau mit passenden Kinderzeitschriften.

ScG – Gerald Schleiwies

 

 

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