Die BLIKK Studie hat eine Wortfindungsstörung

In den letzten Tagen wurde die BLIKK Studie veröffentlicht. Die Abkürzung BLIKK setzt sich zusammen aus den Worten Bewältigung Lernverhalten Intelligenz Kompetenz und Kommunikation. Der Untertitel zur Studie lautet zudem „Kinder und Jugendliche im Umgang mit elektronischen Medien“ – gerade letzteres sollte man immer wieder betonen und verdeutlichen. Leider geht das bereits in der offiziellen Pressemitteilung verloren. Zwar wird die Drogenbeauftragte noch zitiert mit „digitaler Fürsorge“, doch spätestens in der Ergebniszusammenfassung verschwimmen die Grenzen:

  • 70 % der Kinder im Kita-Alter benutzen das Smartphone ihrer Eltern mehr als eine halbe Stunde täglich.
  • Es gibt einen Zusammenhang zwischen einer intensiven Mediennutzung und Entwicklungsstörungen der Kinder
  • Bei Kindern bis zum 6. Lebensjahr finden sich vermehrt Sprachentwicklungsstörungen sowie motorische Hyperaktivität bei denjenigen, die intensiv Medien nutzen
  • Wird eine digitale Medienkompetenz nicht frühzeitig erlernt, besteht ein erhöhtes Risiko, den Umgang mit den digitalen Medien nicht kontrollieren zu können

In Zeiten von Kurznachrichtendiensten und Nachrichtenseiten für Smartphones bleiben oft nur Fragmente einer Presseerklärung über.

Bei den rot markierten Sätzen fühle ich mich persönlich betroffen. Denn ja: „Ich bin mediensüchtig!“ Das hat bereits als Kind begonnen. Ich habe mich meinen Eltern regelmäßig widersetzt, um meine Mediensucht zu stillen.

Doch Moment, in meinem Kindesalter gab es doch noch gar kein Internet, geschweige denn Smartphones. Meine Generation kannte die Kompaktkassette, die Drei ??? hatten noch keine 10 Folgen und es gab nur 5 TV-Sender; incl. DDR 1 und DDR 2.

Doch ich habe Medien heimlich genutzt. Ehrlich! Unter der Bettdecke! Mit Taschenlampe! Und die Eltern haben immer wieder kontrolliert, ob ich schon schlafe oder doch wieder heimlich lese. Und das als Junge! So sah das damals ungefähr aus:

kleiner-elefant-heimlich-lesen-kinder-premium-langarmshirt

(Bildquelle: https://www.spreadshirt.at/kleiner+elefant+heimlich+lesen-A26456318)

Hat da heute eigentlich noch ein Elternteil ein Problem mit? Wir in Bibliotheken fördern intensiv das Lesen. Leseförderung ist ein Schwerpunkt. Leseförderung ist auch Mediennutzung. Und manche können vor lauter Förderung gar nicht mehr aufhören. Die Lesesucht hat sogar ein eigenes Kapitel in der Wikipedia! Diese Sucht ist jedoch Vergangenheit und doch wären Paralellen zur heutigen elektronischen Mediensucht möglich.

Spätestens jetzt merkt der Blogleser (!), dass hier vermischt wird. Es geht gar nicht um Mediennutzung im Allgemeinen. Das digitale E-Book ist wohl genauso wenig im Visier der Drogenbeauftragten wie das Bilderbuch auf dem Tablet, oder? Oder sind Bücher nun Pfui bäh? Leisten sich Kommunen offizielle Drogenanlaufstellen in Form von Bibliotheken, ein Hort für intensive Mediennutzung? Das wäre ja ein Skandal!

Nein, die Studie hat ab einem gewissen Zeitpunkt einfach eine Wortfindungsstörung. Oder gar eine Sprachentwicklungsstörung, denn die Studie drückt sich nicht immer präzise aus. Aber kluge Leute wissen, was sie sagen wollen. Wahrscheinlich haben die viel gelesen und sind daher mit Medienkompetenz ausgestattet.

ScG – Gerald Schleiwies

2 Antworten zu “Die BLIKK Studie hat eine Wortfindungsstörung

  1. Werter Kollege!
    Man sollte das nicht so einfach abtun…Natürlich kann auch diese Studie nur Korrelationen und keine eindeutigen Kausalitäten feststellen. Aber ja, ich bin beunruhigt. Nicht von solchen Studien oder gar von „Spitzeriaden“, sondern von dem, was ich persönlich sehe oder von Menschen meiner Umgebung höre. Die Kita-Leiterin, die sagt, es kämen immer mehr Dreijährige mit Smartphone-Entzugserscheinungen, unser Kinderarzt, der sich beschwert, dass er fast ausschließlich ADHS-Kinder behandeln „darf“ (In der Studie ist viel von dem Thema „Aufmerksamkeit“ die Rede), der Psychologe in der EB, der sich über die abnehmende Empathie der Kinder beklagt, meine Wahrnehmung, dass es immer schwerer wird, Kinder bei Bibliotheksführungen zu erreichen etc Von den Klagen der GS-Lehrkräfte fange ich erst gar nicht an.
    Die Überflutung mit medialen Angeboten bringt Risiken & Chancen, leider für die einen die Risiken, für die anderen die Chancen. Was kümmern mich die „Hubschraubereltern“.
    Wenn Bibliotheken ernsthaft Medienbildung betreiben wollen, müssen sie sich auch diesen Entwicklungen stellen.
    Grüße aus dem schwülen Nordenham
    jd

    • Ebenfalls sehr geschätzter Kollege,
      natürlich sind die Ergebnisse der BLIKK Studie interessant. Sätze wie „Spitzer hat doch recht !“ sind somit nicht mehr so einfach von der Hand zu weisen. Und trotzdem ist es genau deswegen so wichtig, auch in Pressemeldungen für Schlagzeilen sich weiterhin konstant, prägnant und inhaltlich präzise zu konkretisieren. Das ist keine Unmöglichkeit! Ich erinnere mich noch gut an die Diskussionen, als die Teletubbies die deutschen Bildschirme eroberten. Auch die Kim-Studien des mpfs runden das Bild ab. Gesellschaftlicher Wandel war immer. Medienwandel ebenso. Neue Medien der 1990er und neue Medien der 2015er Jahre haben das gleiche Schlagwort, jedoch keine Schnittmengen mehr.

      Im Fazit geht es der Studie um, … ja was eigentlich? Bücher im Kinderzimmer? Kinderhörspiele in der Onleihe? Oder doch nur die Nutzung von (welchen Inhalten ?) auf Smartphones? So wichtig diese Studie ist, so wenig deutlich kam diese durch die Pressemeldungen auf meinen Tisch. Bzw. bei mir war es per Twitter auf dem Smartphone…

      Und ich stimme völlig zu, das Bibliotheken im Rahmen der Medienbildung bewusst werden müssen bzw. es schon sind. Bevor das Kind mit zwei Jahren erlernt Inhalte auf bunten Flächen hin und her zu wischen sollte es vorher mal ein Bilderbuch zwischen die Finger bekommen haben. „Books for Babys in Libraries“ war in meinen Augen noch nie so wichtig wie heute!

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