Kent Haruf – ein großer amerikanischer Schriftsteller der „kleinen Leute“

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Ich habe Haruf erst im letzten Jahr „entdeckt“: Mit dem wundervollen Buch „Unsere Seelen bei Nacht“ (Roman Liebe HAR 19) und war wahnsinnig neugierig auf das kürzlich erschienene „Lied der Weite“.

Die Story bietet ein scheinbar gewöhnliches und doch interessantes „Personal“ durch alle Altersklassen.
Vor der Kulisse des wenig idyllischen, vielmehr exemplarisch für die amerikanische Kleinstadt stehenden Örtchen Holt in Colorado entfalten sich mehr oder weniger dramatische Lebensgeschichten. Die 17-jährige Victoria ist schwanger, der Vater des Kindes, man kann es sich vielleicht denken, abgehauen. Die Mutter, mit dem eigenen Leben schon überfordert, wirft sie kurzerhand raus. Dass sie das Kind behalten will, steht für Victoria fest, wie es weitergehen soll, nicht.
Sie bittet ihre Lehrerin Maggie Jones um Hilfe und landet nach einer Zwischenstation in deren Haus auf der abgelegenen Farm der schrulligen, aber herzensguten alten Junggesellen McPheron.

Dann wären da noch der Lehrer Tom Guthrie mit zwei Söhnen und depressiver Frau, die die Familie dann auch noch ganz verlässt, während sich der Vater mit einem renitenten Schüler und dessen snobistischen Eltern herumplagt. Etwas Halt und Zerstreuung bietet ihm Maggie, die so etwas wie die Psychiaterin der verlassenen Seelen zu sein scheint.
Außerdem gibt es noch einige Jugendliche, die Guthries Jungen terrorisieren, eine einsame alte Zeitungsleserin und viel Lokalkolorit.

Die Gegenwart ist unsicher, die Zukunft für alle wenig rosig und irgendwie perspektivlos.
Als dann doch fast alles gut zu werden scheint, taucht plötzlich der Vater von Victorias Baby auf und macht seine „Ansprüche“ geltend…

Haruf erzählt dabei unaufgeregt, aber nicht ohne Spannung und durchaus mit Charme.

Auch vor der etwas unappetitlichen Beschreibung der Sektion eines Pferdes oder der manuellen Überprüfung der Lage eines Kalbs im Mutterleib schreckt der Autor nicht zurück – aber gerade diese Details machen die Schilderungen so authentisch – das Leben der „ganz normalen“ Menschen im amerikanischen „Hinterland“ so lebendig.

Am Ende der Lektüre blieb für mich nur das Fazit: „Wie schade, dass der Autor schon 2014 verstorben ist.“

Aber es bleibt noch die Vorfreude auf die anderen vier seiner nur sechs Romane, die alle in Holt spielen. Einer, „Abendrot“, soll im Januar 2019 auf Deutsch erscheinen und Diogenes wird sicherlich auch die restlichen noch veröffentlichen.

In der Zwischenzeit kann man sich ja die hochkarätig besetzten Verfilmungen von „Our Souls at Night“ (Jane Fonda, Robert Redford) und „Plainsong“ (Rachel Griffith, Aidan Quinn) anschauen oder die weiteren Bücher in englischer Sprache lesen :).

„Lied der Weite“ ist bei uns in der Bibliothek zu finden unter: Roman Allgemein HAR 19

Neu

Fortsetzungsromane – wieder Kult?

Wer erinnert sich noch an „Morgen mehr“? Ein Fortsetzungsroman von Tilman Rammstedt (vor kurzem auch bei uns im Blog). Rammstedt schrieb jeden Tag ein Kapitel und veröffentlicht wurd es im Internet. Jeder, der ein Abo abgeschlossen hatte, konnte so die Arbeit des Autoren verfolgen.

der-trick-9783257069556Jetzt gibt es noch einen Fortsetzungsroman. „Der Tick“ von Emanuel Bergmann, erschienen beim Diogenes Verlag. In diesem Fall erschien erst das Buch und jetzt der Fortsetzungsroman. Die Schweizer Pendlerzeitung „20 Minuten“ bringt ab dem 22. August in 37 Folgen, immer montags bis freitags auf einer Doppelseite, den Roman für seine Leserinnen und Leser heraus. Die Zeitung hat ihren Namen von der durchschnittlichen Pendlerzeit, die man benötigt, um von seiner Wohnung zur Arbeit zu kommen. Und ein ganz großer Vorteil, Pendlerzeitungen sind kostenlos 🙂 Dabei fragt man sich, sind 20 Minuten genug? Für mich als passionierte Leserin reichen 20 Minuten am Tag lesen natürlich nicht. Aber sehr viele Menschen haben gerade in dieser Pendlerzeit Muße und Lust dazu. In Zügen, Straßenbahnen, Bussen und, und, und wird, nachdem ein Sitzplatz gefunden ist, die Zeitung ausgepackt, das Buch und es wird gelesen. Und warum sich nicht überaktuelle Ereignisse informieren und dazu noch jeden Tag ein Stückchen mehr über den „Großen Zabbatini“ erfahr. In Deutschland gehen wir dabei nicht vollkommen leer aus. Auch wenn es „20 Minuten“ bei uns nicht gibt. Einfach über 20-Minuten-E-Paper die elektronische Ausgabe der Zeitung öffnen und vom Laptop, Smartphone oder Tablet aus lesen 🙂 Wer es lieber in gedruckter Variante hat, der muss dafür nur seinen eigenen Drucker anschmeißen und sich die Seiten ausdrucken.

Ich finde die Aktion richtig toll und habe mir den nächsten Montag schon rot im Kalender markiert. Zwi Doppelseiten sind zwar als Lesepensum am Tag wirklich nicht genug für mich, aber bei einem SuB (Stapel ungelesener Bücher) von weit über 10 Büchern – und die nur aus der Bibliothek – ist das für mich doch eine sehr praktische Idee, um trotzdem in Genuss des Romans kommen zu können und ihn eben nicht noch oben auf den SuB zu packen.

Daneben gibt es noch eine Kampagne für Leserinnen und Leser, dabei entstehen

Sprüche wie »Endlich wieder einmal ein Buch lesen, das ist der Trick« oder »Eine gute Geschichte sollte man nie verpassen, das ist der Trick«  (Quelle: Diognes Verlag)

Der Diogenes beweist mit dieser Aktion mir wieder einmal, warum er einer meiner Lieblingsverlage ist 🙂 Wer liest denn dann ab Montag mit mir mit?

P.S. Wem jeden Tag zwei Doppelseiten zu wenig sind, weil er/sie einfach wissen möchte, wie das Buch weiter geht, kein Problem. Das Buch steht schon zur Katalogisierung bereit, es muss sich nur gewünscht werden. 😉

Die Knigi-Auflösung

In meinem Buchmessebericht sprach ich ja schon von dem tollen Geschenk von Diogenes. Nun will ich endlich lüften, was denn da alles drin war:

Knigi Tüte

Sehr gefreut habe ich mich über „Der Trick“ von Emanuel Bergmann und „Der letzte Bus nach Coffeeville“ von J. Paul Henderson. Beides sind neue Werke aus dem Frühjahresprogramm von Diogenes und haben mich selber sehr angesprochen.

Der Trick“ von Emanuel Bergmann:

Einst war er der »Große Zabbatini«, der 1939 in Berlin als Bühnenzauberer Erfolge feierte, heute ist er ein mürrischer alter Mann in Los Angeles, der den Glauben an die Magie des Lebens verloren hat. Bis ihn ein kleiner Junge aufsucht, der mit Zauberei die Scheidung seiner Eltern verhindern will. Ein bewegender und aberwitziger Roman über verlorene und wiedergewonnene Illusionen. (Quelle: Diogenes Verlag)

Letzter Bus nach Coffeeville“ von J. Paul Henderson

Drei in jeder Hinsicht ziemlich älteste Freunde reisen in einem klapprigen Tourbus der Beatles quer durch die USA bis nach Mississippi. Mit an Bord: Alzheimer, die grausame Krankheit des Vergessens. Nach und nach steigen noch andere Passagiere mit kunterbunten Lebensläufen zu, die verrückt genug sind, um es mit so einem heimtückischen Mitreisenden aufzunehmen. Ein Buch, bei dem man ebenso oft Tränen weint wie Tränen lacht und das man dabeihaben will, wenn’s im eigenen Leben mal nichts mehr zu lachen gibt. ( Quelle: Diogenes Verlag)

Beide Bücher (und natürlich auch der Rest) sind demnächst in unserem Romanbestand zu finden.

 

Von 0 auf 1 – Donna Leon ist wieder an der Spitze der Bestsellerliste

Leon_Tod Zeilen„Tod zwischen den Zeilen“ ist Brunettis 23. Fall aus der Feder von Donna Leon. In Venedig hält gerade der Frühling Einzug und Brunetti und sein Kollege Vianello genießen das langsam wärmer werdende Wetter und die Straßen, die noch nicht vollgestopft sind von Touristen.

Aus der Bibliothek Merula kommt eines Morgens ein dringender Anruf: man will mit einem Commissario reden. Brunetti nimmt den Anruf entgegen und kann erst nicht wirklich fassen, was er hört. Aus alten unschätzbaren Büchern wurden Seiten herausgetrennt. Er sieht sich den Schaden direkt vor Ort an: es fehlen Illustrationen und sogar ganze Werke. Die Bibliothekarin ist fassungslos, denn die Bücher sind ruiniert. Der Schuldige ist schnell erkannt – nur leider nicht so schnell gefasst und dann wird auch noch ein anderer Leser der Bibliothek brutal ermordet aufgefunden. Hängen der Diebstahl und der Mord zusammen?

Brunettis Fälle verfolge ich seit dem ersten Band. Mal sind sie spannender, mal lässt mich die Aufklärung des Falles nicht in Ruhe, da der Schuldige trotzallem frei bleibt, aber wirklich immer zieht mich Donna Leon in den Bann von Venedig. Ihre Beschreibungen und auch der venezianischen Mentalität versetzen mich in Gedanken immer wieder zurück in diese Stadt.

Natürlich haben wir das Buch auch schon in unserem Romanbestand.