„Das ist alles nicht erlaubt“ – Bücher (und mehr) auf der Documenta 14

Es ist Documenta in Kassel und die Kunstinteressierten pilgern wieder nach Kassel. Die Braunschweiger Zeitung titelte noch gestern: „So viel Mittelmaß war noch nie“ und ich bin geneigt, mich diesem Statement anzuschließen. Über den erhobenen moralischen Zeigefinger dieser Kunstwerke ist bereits oft geschrieben worden. Doch es wäre nicht Documenta, wenn es nicht doch etwas Herausragendes zu sehen gäbe.

Für das BibliotheksWesen ist das in diesem Jahr sogar kostenlos, denn das Parthenon der verbotenen Bücher bzw. das „Parthenon of Books“ thront das Kunstwerk der argetinischen Künstlerin Minujin mitten auf dem Friedrichsplatz; übrigens nach den Originalmaßen der Akropolis in Athen.

Das ist nicht zu übersehen:

pantheonkassel2

Die Uni Kassel hat eine Liste von 60.000 Titeln (!) erarbeitet, die verboten waren oder sind und die sich hier befinden könnten.

Aus der Nähe betrachtet, sieht das dann so aus:

verbotenebuecher2

Ja, auch Harry Potter hat es getroffen, wenn auch nicht in der deutschen Ausgabe.

verbotenebuecher1

Viele Titel davon sind heute in jeder deutschen Bibliothek gängiges Repertoires. Nach der Documenta 14 wird der Bau übrigens abgerissen und die Bücher können mitgenommen werden. Und? Schon einen Titel gefunden?

pantheonkassel3

Es gab noch ein zweites Bücherkunstwerk, welches mich beeindruckt hat:

juedischebuecher

Maria Eichhorns Werk heißt, was es ist – „Unrechtmäßig aus jüdischem Eigentum erworbene Bücher“

Diese sind aus dem Zugangsbuch J 1943 aus jüdischen Haushalten in den Bestand der Berliner Stadtbibliothek gewandert. Das Zugangsbuch J gehört heute zur ZLB, der Zentral- und Landesbibliothek Berlin. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt hier zu sehen, denn insgesamt sind damals 40.000 Bände aus jüdischen Haushalten durch Enteignung oder als „Schenkung“ der Bibliothek zugeführt worden. Seit 2010 laufen dort die Recherchen zu diesem geschichtlichen Teil des NS-Raubgutes.

Und so ist auch dieses Kunstwerk für die Einen wieder der erhobene moralische Zeigefinger, für Andere wiederum aufgrund der Installationsart eine beeindruckende Aufklärung. Es wurde jedenfalls fleißig geschaut und fotografiert.

Wenn das BibliotheksWesen dann den Blick durch die berufliche Brille mal absetzt, entdeckt es auch Kunst, die nicht nur mich beeindruckt hat. Geschafft haben das die Sami Artist Group. Das einzig indigene Volk Europas wohnt dort, wo ich seit einiger Zeit wegen der Natur und der Menschen dort gerne im Urlaub bin – in Lappland. Der Vorhang aus dreihundert Rentierschädeln von Maret Anna Sara ist genauso oft positiv in den Kritiken erwähnt worden wie das 24 Meter lange Strickbild von Britta Marakatt-Labba. 3Sat hat sich diesen Künstlern in einem eigenen Bericht angenommen:

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=68036

Noch Mitte des letzten Jahrhunderts war die samische Sprache verboten. Die Bücher wurden verbrannt. Die Werke hätten somit auch ihren Platz im Partheon auf dem Friedrichsplatz gehabt. Vielleicht waren auch welche mit dabei. Ganz oben! Im Norden des Kunstwerks!

pantheonkassel

ScG – Gerald Schleiwies

Die Documenta (13) aus bibliothekarischer Sicht

Alle fünf Jahre wird Kassel für einhundert Tage aus ihrem Alltag gerissen. Die Documenta sorgt für vielsprachiges Stimmengewirr in der nordhessischen Metropole. Viel wird berichtet, Zeitschriften wie „Art“ bringen Spezialausgaben und jeder wird sich seine eigene Meinung zum Gezeigten bilden.

Natürlich ist das BibliotheksWesen immer erfreut, wenn künstlerisches Schaffen sich mit Bibliotheken auseinandersetzt. Auf der Documenta sind mir da drei Sachen aufgefallen.

1. Michael Rakowitz – Bücher aus Steinen

Die d13 beschäftigt sich viel mit Afghanistan und ein Teil der Ausstellung findet in Kabul statt. 2001 sprengten die Taliban das Weltkulturerbe der bamiyanischen Buddha-Statuen aus dem 6. Jahrhundert in Schutt und Asche. Zurück bleib ein Geröllhaufen. Rakowitz schlägt daraus nun eine Brücke zu den im zweiten Weltkrieg verbrannten Büchern aus dem Kasseler Fridericianum. Aus den Steinen der ehemaligen Buddhas entstehen nun Bücher, die durch Krieg verbrannt sind. Ein Mahnmal aus Stein. Gute Bilder dazu gibt es hier. http://www.art-magazin.de/kunst/52299/michael_rakowitz_documenta_parcours_6

2. Emely Jakir – Bücher als Raubgut

Die Ausstellung heißt Ex libris. 1948 plünderten Israelis palästinensische Wohnungen, Institutionen und Bibliotheken. Über 6.000 dieser Bücher wanderten in die jüdische Nationalbibliothek und sind dort mit dem Zeichen „A.P.“ versehen. A.P. steht für „Abandoned Proberty“, also herrenloses Gut. Bis heute sind diese Bücher nicht zurückgegeben worden. Beeindruckt hat mich dieses Werk, wo einfach nur „Exchange“ steht. Freiwillig gewechselt haben die Bücher den Besitzer jedoch nicht. Die Thematik Raubgut im im Kontext zum Judentum, wobei der Agressor dieses mal auf der anderen Seite steht wird noch weitere Jahrzehnte aufgearbeitet werden müssen.

3. Mark Dion – Ein Baum – ein Buch

Im Fridericianum findet tradtionsgemäß der Schwerpunkt zum Hauptthema statt. Wirklich überrascht hat mich das Ottoneum gleich nebenan. Das naturkundliche Museum ist auch ausserhalb der Documenta einen Besuch wert, kann man doch Goethes Elefanten oder Einhörner bestaunen. Mark Dions Arbeit fällt dort gar nicht als d13 Arbeit auf, denn er hat eine Holzbibliothek gebaut, eine Xylothek, die sich sehr harmonisch in das normale Ambiente des Museum einfügt. Im Gegensatz zu den anderen beiden vorgestellten Künstlern war auch eine Kamera dabei:

SIE waren noch nicht auf der d13 und benötigen noch einen Tipp? Hier ist er: Während auf der 12. documenta Taschen verboten waren, Rücksäcke jedoch erlaubt, ist es dieses mal andersrum. Dieses künstlerische Wechselspiel wird dem Besucher, im Gegensatz zu allen Dingen in den Ausstellungen, aber nirgends erklärt. Nun weiß der geneigte Leser wenigstens, warum ich zu den ersten beiden Künstlern keine Knippse dabei hatte.

P.S.: Wer schon immer mal wissen wollte, wie unsere Blogbeiträge entstehen – hier exclusiv ein Bild:

 Das war natürlich blanker Unsinn, bzw. künstlerische Freiheit. 😉 – dieses Schaustück findet sich im Kulturbahnhof. (ScG)