Der Report der Magd – The Handmaid’s Tale

produkt-13684Verehrte Leserschaft,

vor kurzem bin ich im Kino auf eine neue Serie aufmerksam geworden. „The Handmaid’s Tale“. Die Geschichte klang spannend und so machte ich mich auf, die ersten Folgen zu schauen.

In der Werbung wurde ständig davon gesprochen, dass es eine Literaturverfilmung ist. Also schnell gegoogelt und herausgefunden, dass der Roman „Der Report der Magd“ heißt und 1985 (mein Geburtsjahr!) von Margaret Atwood geschrieben wurde.

Schnell habe ich in unserem OPAC nachgesehen und festgestellt, dass der Roman ausgeliehen ist. Da hatte wohl jemand die gleiche Idee wie ich. Also habe ich den Audible Probemonat abgeschlossen und bekam ein Hörbuch gratis. Das war natürlich „Der Report der Magd“. Jetzt gibt es abwechselnd die Serie und das Hörbuch. Immer parallel. Wenn ich mich intensiv mit einem Werk auseinandersetzte, konsumiere ich alles, was ich dazu finden kann. Das schließt manchmal auch Sekundärliteratur ein. Bis ein Gesamtbild entsteht und ich quasi zur „Expertin“ werde.

Das Buch ist eine Dystropie, beinahe so beklemmend wie George Orwells „1984“.

Inhalt:

Die provozierende Vision eines totalitären Staats, in dem Frauen keine Rechte haben: Die Dienerin Desfred besitzt etwas, was ihr alle Machthaber, Wächter und Spione nicht nehmen können, nämlich ihre Hoffnung auf ein Entkommen, auf Liebe, auf Leben…

Quelle Inhaltsangabe und Cover: Piper Verlag

Leseprobe: Piper Verlag

Der Ausgangspunkt: Durch Umweltverschmutzung und Kriege sind die meisten Frauen steril geworden und der Untergang der Menschheit droht. In dieser Zeit übernimmt eine Gruppe religiöser Fundamentalisten die Herrschaft über mehrere Staaten der USA und rufen die Republik Gilead aus. Frauen haben dort keinerlei Rechte und werden wie Objekte behandelt. Es geht einzig und allein um ihre Fruchtbarkeit. Fruchtbare Frauen werden in Umerziehungszentren gebrochen und nach dem Willen der neuen Herrschaft geformt. Sie tragen fortan rote Kleidung, um ihre Fruchtbarkeit zu signalisieren. Ihr einziger Daseinszweck ist es, Kinder zu gebären, die ihnen nach der Geburt auch noch weggenommen werden.

In dieser Welt lebt Desfred, die man gefangen nahm, als sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter zu fliehen versuchte. Sie wurde nach ihrer Umerziehung dem Haushalt eines Kommandanten zugeteilt. Dieser gehört mit seiner Frau zur höchsten Elite im Staat Gilead. Desfred soll ihm Kinder gebären.

Besonders schockierend finde ich die totale Überwachung in Gilead. Die Mägde tragen Flügelhauben, die sie auch am Sehen hindern, sodass sie nicht richtig mit ihrer Umwelt interagieren können. Lesen ist ihnen verboten. Wenn sie dabei erwischt werden, verlieren sie einen Finger, bei Wiederholungen oft die ganze Hand. Sie dürfen sich nicht frei bewegen, nur zu zweit zum Einkaufen gehen. Wenn eine bei diesen Spaziergängen flieht, wird die andere dafür bestraft. So stellt man sicher, dass so etwas nicht geschieht. Reden dürfen die Frauen nur über unverfängliches wie das Wetter oder die Einkäufe. Blicke können bereits verräterisch sein und strenge Befragungen nach sich ziehen.

Noch bin ich nicht mit dem Hörbuch fertig, aber ich hoffe auf ein gutes Ende und fiebere mit Desfred mit, die sich nie unterkriegen lässt. Die Geschichte ist sehr spannend und gleichzeitig fühlt man die Beklemmung, die einen auch bei George Orwells „1984“ die ganze Zeit nicht loslässt. Beide Werke lassen sich im Übrigen sehr gut gegenüberstellen und miteinander vergleichen. Es gibt sehr viele Gemeinsamkeiten. Beim Zuhören frage ich mich oft, wie ich in einer solchen Situation reagieren würde. Anpassen, oder Wiederstand leisten. Es bleibt zu hoffen, dass ich nie die Gelegenheit erhalte, so etwas herauszufinden.

Verehrte Leserschaft, falls Sie sich für „Der Report der Magd“ interessieren, finden Sie das Buch im Romanbereich unter ATW.

GL

Über Wahrheit, Klarheit, Fake – und 1984

Es läßt sich nicht mehr übersehen. Das aktuelle Weltgeschehen und sein medialer Einfluss auf jeden Einzelnen ändert sich spürbar.

Insbesondere das Internet mit seiner nun tiefen Durchdringung auch in der allgemeinen Bevölkerung bringt die klassischen Medien und ihre Nutzungsgewohnheiten gehörig durcheinander. Jeder ist nun nicht mehr nur Empfänger, sondern auch Sender. Die sozialen Netzwerke sprudeln nur vor Dynamik und Kreativität. Letztere mag bei Kunst und Katzenvideos ja noch harmlos sein – doch gerne werden auch Nachrichten abgesetzt. Die Überprüfung auf einen sachlich wahren Kern beschäftigt beruflich Journalisten. Da nun jedoch jeder diese Nachricht lesen kann, bräuchte auch ein Jeder zumindest ansatzweise journalistische Kompetenz.

Das ist natürlich nicht der Fall.

Die vielgeschätzten Kolleginnen aus Erlangen (die Unibibliothek wie die Stadtbibliothek) haben Anfang Januar dazu eine Pressemitteilung veröffentlicht: „Mit Wahrheiten gegen Fake-News“ .

Im Text finden sich Zitate:

Die sozialen Netzwerke seien oft „asozial“, eine Wissensgesellschaft brauche aber „Wissen und Gesellschaft“, um auf geprüfte Datenbanken zugreifen zu können, erklärte Anne Reimann. 

Und es gibt redaktionelle Statements:

Gerade in schnelllebigen Zeiten und der massenhaften Verbreitung von Fake-News, „alternativen Fakten“ und „gefühlten Wahrheiten“ sind sich die Bibliotheken einig, dass sie Zugang zu den Fakten bieten müssen. Weil inzwischen die Welt digital geworden ist, sind die Fakten in Datenbanken gepackt.

Es wäre schön, wenn es so einfach wäre. Die Bibliotheken haben die objektive Wahrheit! Doch es ist leider viel komplexer.

Auch die Stadtbibliotheken Salzgitter haben die Datenbanken von Munzinger und Genios. Hier versammelt sich der Duden genauso wie hunderte von Fachzeitschriften und auch die Tagespresse ist recherchierbar.

Wenn hier alles für bare Münze zu nehmen ist, wäre folgendes nicht passiert:

Am 26.01.2016 erschien in unserer Regionalzeitung ein Artikel über die Stadtbibliothek. Der Artikel „Immer weniger Schulen kooperieren mit der Stadtbibliothek“ wird hinter einer Paywall versteckt, nur die Kommentare sind frei zugänglich.

In diesem Artikel werde ich mit einer wörtlichen Rede zitiert. Das steht nun so in einer Zeitung und ist für viele Zeiten lang auch in Zeitschriftendatenbanken zu finden, die die Bibliothek auch selber vorhält bzw. ihren Nutzern auch Zugriff darauf gewährt. Nur, ein Gespräch zwischen dem Redakteur und mir hat gar nicht stattgefunden! Dieses Zitat ist ein Fake! Ich habe mich zu diesem Sachverhalt gegenüber der Zeitung gar nicht geäußert. Es wird aus diesem Grund hier auch nicht zitiert.

Die weiterhin frei einsehbaren Kommentare werfen dann mit Namen meiner Kolleginnen um sich, die dort vielleicht 1. gar nicht genannt werden wollen und 2. dort als nicht mehr beschäftigt stehen. Leider weiß ich es besser. Die Wahrheit ist eine andere! Leider ist das, im Gegensatz zum Artikel,  jedoch weiterhin frei einsehbar.

Das, was hier im Lokalen passiert ist, passiert jedoch auch global. Dann wird gerne George Orwell aus dem Zitierregal hervorgeholt. Bei Amazon in den USA war das Buch kurzfristig Ende Januar 2017 sogar Platz 1 der Bestsellerliste.

Das Buch kenne und liebe ich . Es ist ein Meilenstein der Science-Fiction Literatur, jedenfalls wenn, wie für mich, die philosophischen und ethischen Menschheitsfragen der tragende Teil der Science-Fiction ist; dazu siehe auch diesen Beitrag.

Wer erst einmal eine kurze Einführung benötigt: https://www.inhaltsangabe.de/orwell/1984/

Bereits die vielen Cover zu diesem Buch verraten viel über den jeweiligen Zeitgeist, auf den sich jeweils auf das Werk bezogen wird: http://www.letterology.com/2013/06/orwellian-recovers.html

Allein dieser Sachverhalt eignet sich für eine Promotion. Aktuell sieht es in Deutschland so aus:

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Man darf also gerne George Orwell heranziehen, um zu vergleichen. Aber ich bitte darum, dann dieses wegweisende Buch auch mal gelesen zu haben. Es findet sich, natürlich, im Bestand der Stadtbibliothek.

Im Gegensatz zu Orwells 1984 kommen die „Wahrheiten“ nämlich nicht von einer Obrigkeit, sondern von uns selbst. Im Rahmen der „Fake-News“-Debatte gab es diverse Umfragen und Artikel:

Etwas älter ist dieses EU-Papier (pdf):

Nun kann man gerne bereits an der Seriösität der Quelle Bitkom oder EU zweifeln, und je mehr Untersuchungen man liest, desto unschärfer werden die Ergebnisse.

Das liegt unter anderem daran, dass viel Gefühl im Spiel ist. Gefühle sind alles andere als objektiv. Die Befragung von „Meinungsstimmungen“ sind nichts anderes als eine statistische Aufbereitung von Gefühlslagen. Diese ändern sich. Aktuell sogar recht schnell. Nur durch einen neuen Kanzlerkandidaten gewinnt eine Partei in den Umfragen, je nach Umfrageinstitut, zwischen 3% und 10%. Und das liegt nicht an einer neuen sachlichen Auslegung des Parteiprogramms, sondern am Gefühl.

Sehr gut zu lesen ist dazu Yvonne Hofstetters „Das Ende der Demokratie“, das ich bereits kurz vorstellte.

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Mehr zum Thema „Socials Bots : Invasion der Meinungs-Roboter“ findet man in dieser Studie: Hegelich, Simon; Konrad-Adenauer-Stiftung (Hrsg.): „Social Bots: Invasion der Meinungs-Roboter“; in: Analysen & Argumente, Ausgabe 221, September 2016, online verfügbar unter http://www.kas.de/wf/de/33.46486/

Gerade die Jugend ist medienaffin und internetaffin und damit besonders empfänglich. In Deutschland wird das in der Jim-Studie untersucht. Für die USA bescheinigte eine Studie der Stanford University (https://sheg.stanford.edu/upload/V3LessonPlans/Executive%20Summary%2011.21.16.pdf) bei Teenagern eine kaum vorhandene Informationskompetenz.

Mit Gefühl macht man Meinung und Stimmung. Hört sich an wie eine Binsenweisheit.Das ist das Geschäft von Tageszeitungen und Zeitschriften. Und eben auch der sozialen Netzwerke. Wenn Bibliotheken nun dazu eine Datenbank vorhalten, besteht diese nicht unbedingt nur aus Fakten. Und genau das müssen wir auch erklären. Den Jugendlichen bei den Klassenführungen, den Erwachsenen bei jeder Gelegenheit. Das läßt sich leider nicht, wie man an diesem Beitrag gerade merkt, in aller Kürze Twittern. 🙂

Und damit verkrümele ich mich in mein Lektorat „Philosophie“, wo das Thema „Wahrheit“ gut recherchierbar ist. Und glauben Sie mir, da sind viele Facetten von Wahrheiten zu entdecken.

ScG – Gerald Schleiwies