Mittsommer Geschichten

Na?

Schon wieder aus dem Koma erwacht?

Wie? Es wurde gar nicht gefeiert? Es war doch Mittsommer!

Der 24.6.2017 ist in diesem Jahr das kollektive Feierdatum für den gesamten nordeuropäischen Raum: Mittsommer bzw. Sommersonnenwende. Ab jetzt werden die Tage langsam wieder kürzer. Ganz oben im hohen Norden muss jedoch überhaupt erst einmal eine Nacht wiederkommen. Natürlich weiß man, dass es nördlich des Polarkreises entweder nicht dunkel (Sommer) oder nicht hell (Winter) wird. Doch begreift man dieses Phänomen erst, wenn man einmal da war.

Es wird einfach nicht dunkel!

Man hat z.B. sehr viel Zeit, um draußen auf dem Balkon an seinem Fritidshus oder vor seinem Zelt zu lesen. Besonders im Juli, dem kollektiven Urlaubsmonat der Schweden. Dieses Land hat sogar gesetzlich geregelt, dass man im Sommer einen Anspruch auf vier Wochen Urlaub am Stück hat. Wer in dieser Zeit z.B. in Stockholm ist, wird eine den Touristen überlassene Stadt vorfinden.

Im Reclam Verlag ist für die Zeit um Mittsommer ein 96 S. schmales Bändchen mit Kurzgeschichten erschienen, um die schönste Zeit des Jahres literarisch zu begleiten:

Hier kann man schon mal einen Blick ins Inhaltsverzeichnis werfen: https://www.book2look.de/book/9OBxogysSE&euid=57969632&ruid=57951231

Und es handelt sich zumeist nicht um Geschichten, die man schon mal vorher gelesen haben könnte. Von den zwölf Geschichten dieses Sommerbuches sind zehn erstmals ins Deutsche übertragen. Die Autorinnen und Autoren: Nils-Aslak Valkeapää, Marion Hagen, Joakim Kjørsvik, Vigdis Hjorth, Amalie Skram, Hanne Marie Svendsen, Selma Lønning Aarø, Selma Lagerlöf, Gunnar Staalesen, Zacharias Topelius, Ditte Birkemose, Mikael Niemi.

Wer da nun zu schnell mit durch ist, dem empfehle ich nun einen ganz persönlichen Liebling, der zudem im Bestand der Onleihe in der Stadtbibliothek zu finden ist. „Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden“ von Selma Lagerlöf ist vor kurzem völlig neu übersetzt worden und als Sonderausgabe der Anderen Bibliothek erschienen.

Dieses als Schulbuch konzipierte Werk wurde bisher auf Deutsch meist nur stark verkürzt oder mit entfernten „nicht kindgerechten“ Passagen herausgegeben. Selbst die Kinder in Schweden kennen zumeist nicht das ganze Werk, weil es für ein Schuljahr zu lang war. Die Neuübersetzung der vollständigen Ausgabe ist rundum gelungen und für nordisch interessierte Leser ein Fest.

Es werden alle Provinzen bereist. Damit sollten die schwedischen Kinder ihr Land kennen lernen. Über 100 Jahre später ist das wohl bekannteste schwedische Schulbuch tief in der Gesellschaft verankert. Im Stadtpark von Malmö ist die Geschichte sehr präsent; u.a. durch mehrere Statuen und durch Gänse, die überall im Stadtpark ihre Junge großziehen. Menschen und Gänse leben dort eine vorbildliche Gemeinschaft. Bei entsprechender Größe möchte man glatt aufsatteln und mit ihnen übers Land fliegen.

ScG – Gerald Schleiwies

Darf es etwas mehr sein?

Ja bitte! Hätte mich zum Ende des Buches von Karolina Ramquists „Die weiße Stadt“ jemand gefragt, meine Antwort wäre ja gewesen.

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Quelle: Google.books.de

 

„Das große Haus steht einsam und kalt an einem See, umgeben von Schnee und Frost. Die kugelsicheren Fenster sind voller Eisblumen. Drinnen sitzt Karin auf einem verdreckten Sofa. Das Telefon ist abgestellt. Die Heizung funktioniert nicht mehr. Karin hat sich verändert. Früher war sie die Gangsterkönigin und Johns höchste Errungenschaft. Alle haben sie bewundert, alle wollten sein wie sie. Jetzt ist John tot, und sie hat eine Tochter, der sie sich mal nah und mal fern fühlt, die sie buchstäblich aussaugt und völlig auf sie angewiesen ist. Karin ist einsam und taub vor Trauer. Alles, was sie weiß, ist, dass sie ihr Kind beschützen muss. Und so beschließt sie, sich zu nehmen, was ihr zusteht. Mit Johns alten Waffen, seinem Auto und ihrer Freundin Therese macht sie sich auf den Weg, die Kontrolle über ihr Leben zurückzuerobern.“ (Klappentext)

„Die weiße Stadt“ ist das erste von Ramquists acht Büchern, das ins Deutsche übersetzt wurde. Dabei wird sie als eine der wichtigsten feministischen Autorinnen Schwedens gehandelt. In ihren Büchern beschäftigt sie sich mit Themen wie Einsamkeit, Konsum und Rollenmodellen. Um die aufkommende Frage gleich zu beantworten – ja, alle Themen sind in „Die weiße Stadt“ zu finden.

Es ist ein Roman über das Scheitern und die Trauer einer Frau, die sich in fast allen Dingen komplett auf ihren Partner verlassen hat. Sie hinterfragte den Luxus und den Komfort, den er ihr bieten konnte nicht. Als ihre große Liebe stirbt, ist alles was ihr geblieben ist, ein Baby das er sich gewünscht hat und sie eigentlich nicht wollte.

Es ist mit 180 Seiten ein kurzweiliges sprachliches Vergnügen, das viel Stoff zwischen den Zeilen bietet. Für mich hätte es mehr Handlung geben und noch etwas tiefer gehen können. Ich hätte gern weiter gelesen…

Natürlich ist dieses kleine feministische Literaturhäppchen auch in unserer Bibliothek bei den Romanen zu finden. Wer schon mal reinlesen möchte, eine umfangreiche Leseprobe gibt es bei Google.books.

In Bibliotheken durch Skandinavien – Teil 2 – Malmö

Über die Stadtbibliothek von Malmö habe ich bereits einmal gebloggt, leider hatte ich einen der wenigen Tage erwischt, wo dieses laut städtischem Tourismusführer „Top 10 Highlight“ leider geschlossen hatte.

Doch da der Weg nach Skandinavien bei mir häufiger an Malmö vorbeiläuft, war das nicht so schlimm. Direkt an der Bibliothek liegt nicht nur der schöne Stadtpark, sondern man kann dort auch mit viel Glück einen zweistündigen kostenlosen Parkplatz in Innenstadtnähe bekommen.

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Die Bilder sind mit der Handykamera, die Eindrücke real entstanden. Typisch Nordisch muß man auch bei einer einfachen ersten Frage am Infotisch gleich am Eingang erst einmal eine Nummer ziehen – wir sollten das dringend für die Biliotheken in Salzgitter einführen 🙂

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Als Ort mit langer Aufenthaltsdauer hat die Stadtbibliothek auch ein eigenes Restaurant. Hier fand gerade ein Quiz zum Thema Kochen und Bücher statt. Glatt eine Anregung für unser nächstes Kulinarisches & Literarisches.

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Die Veranstaltung war bis auf den letzten Platz ausgebucht und alle waren fleißig am Raten und Essen.

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Sehr beeindruckt hat mich die Kinderabteilung. Nicht der Inhalt und die Aufmachung, sondern insbesondere der Eingang. Die Kinderabteilung ist mit Teppich ausgestattet. Wie sehr Teppiche in Bibliotheken leiden, wissen die Bibliotheksangestellten. Für die Kinderbibliothek gilt daher: „Schuhe aus!“ – natürlich gibt es extra Schuhregale, wo man seine Schuhe einstellen kann. Möchte man z.B. als Erwachsener seine Käsemauken lieber nicht öffentlich zeigen, gibt es einen Korb mit entsprechenden Überziehern.

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Ich habe das einige Minuten beobachten können. Das funktioniert! In einer Großstadtbibliothek! Ganz ohne große Hinweisschilder. Dass man ohne Schuhe besser lernt, konnte man in diesem Eintrag bereits lesen: http://inspiredbyfinland.com/de/2016/11/05/ohne-schuhe-die-schule/ – ob das auch in Bibliotheken eine Steigerung hervorrufen würde? Bei einer Erneuerung der Kinderbibliothek in SZ-Lebenstedt würde mich das „Schuhe-aus“-Prinzip jedenfalls lange begleiten.

Das Personal ist schnell erkennbar. Allein beim Thema „Dienstkleidung“ müsste in Deutschland erst einmal der Personalrat mit einbezogen werden. Aber, würde so ein Jäckchen ein Problem darstellen?

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Übrigens, seine Kinderwagen kann man an mehreren Plätzen abstellen. Und wenn man sein Luxusmodell nicht aufsichtslos abstellen möchte, kann man es auch anschließen – entsprechende Vorrichtungen sind vorhanden.

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Weit weg von den Kindern, sogar in einem anderem Stockwerk, ist die Jugendbibliothek untergebracht. Zwar in der Nähe, jedoch wiederum räumlich abgetrennt, gibt es eine eigene Manga- und Comicabteilung.

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Nicht fotografiert habe ich die Arbeitsräume und Studios mit Musikinstrumenten und PC-Arbeitsplätzen – diese waren allesamt belegt. Die Stadsbibliotek Malmö ist bereits der seit einiger Zeit in Deutschland geforderte Ort für Veranstaltungen und Medien. Allerdings nicht unbedingt ein sogenannter „dritter Ort“, denn hier sind viele Veranstaltungen seitens der Bibliothek geplant und die Arbeitsräume betreut. Ähnlich wie beim Bericht zu Tromsø war es nie ein Problem, einen Ansprechpartner zu finden. Auch nicht gegen 19 Uhr, wo diese Bilder entstanden sind. Die Personalausstattung ist nicht mit Deutschland vergleichbar, weswegen die Wünsche des Nachahmens hier ihre erste Hürde finden würden.

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Und so bleiben nicht zuletzt ein paar architektonische Impressionen; wie z.B. feste Stühle, die wir nur bei Fast-Food-Ketten kennen. Immerhin braucht man nachher nicht aufräumen und hier entstehen keine ungeplanten Lerngruppen.

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Trotz der beeindruckend großen Halle über 5 Stockwerke war es ruhig! Die Leseplätze waren gut belegt.

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Fotos dazu habe ich jedoch nicht gemacht, da dies ja nur ein bibliothekstouristischer Besuch war.

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Nicht alle Selbstverbucher funktionierten – auch das kann es in so einer Vorzeigebibliothek geben. Die zurückgegebenen Medien würden jedoch erst einmal sichtbar unter einem hindurchflitzen.

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Am Ende bleiben viele Ideen und Eindrücke. Und es bleiben eher politische Fragen. Die Bibliotheken im hohen Norden nehmen eine große gesellschaftliche Aufgabe wahr. Das läßt man sich einiges kosten. In Deutschland würden die Bibliotheken das ebenfalls gerne tun. Es wird ein sehr langer und mühsamer Weg, das den Entscheidungsträgern verständlich zu machen. Denn dahinter steht nichts anderes als ein anderes Denken für die Gesellschaft. Die Bücher und andere Medien sind auch dort noch ein Schwerpunkt. Aber eben nur einer!

Der letzte Teil der Reise endet nächste Woche in Helsinki in der Kirjasto 10, direkt am Hauptbahnhof der finnischen Hauptstadt.

ScG – Gerald Schleiwies

Bibliotheken in Lappland

Das BibliotheksWesen wollte in diesem Urlaub eigentlich keine Bibliotheken besuchen! Ehrlich! Aber was soll man machen, wenn direkt gegenüber der Busstation, an der man auf den Bus wartet, eine Bibliothek liegt.

Oder wenn man nichts ahnend einen Shoppingtrip unternimmt und da einfach wieder eine Bibliothek im Weg ist. Wie ein Süchtiger muss ich dann da auch rein. Dieses Mal war es die Bibliothek von Jokkmokk und von Luleå (sprich Luleö).

Jokkmokk ist die inoffizielle Haupstadt der Samen. Obwohl „Stadt“ bei 2.800 Einwohner etwas übertrieben ist. Insgesamt verlieren sich die 5.000 Einwohner der Gemeinde auf 19.334 km (etwas kleiner als Sachsen). Der Ort hat als eine Attraktion das Áitte – das wirklich sehenswerte schwedische Fjäll- und Samenmuseum. Neben der Inlandsbanan, welche im Sommer einmal am Tag je Richtung vorbeischaut, fährt man eher mit dem Bus – der Busbahnhof ist auch Umschlageplatz für Pakete, die einfach hinten in die Busse geschoben werden.

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Und an einer solchen Busstation liegt die Bibliothek von Jokkmokk. In Deutschland hätte man wohl bei 2.800 Einwohnern irgendwo eine kleine Kammer im Dorfhaus eingerichtet. Hier jedoch hat man ein ganzes Haus mit zwei Stockwerken und festem hauptamtlichen Personal.

Selbst im Sommer, wo hier wenig los ist und die Einwohner auf ihren Sommerhütten verbringen, leistet man noch 22 Öffnungsstunden die Woche. Vielen Dank an die KollegInnen dort, dass ich ein paar Bilder machen durfte.

Zwei Tage später war das Thema Bummeln angesagt. Das geht in Luleå recht gut. Mit knapp 47.000 Einwohner ist es weit und breit die größte Stadt. Während der Bahnhof mit zwei Gleisen auskommt ist der Busbahnhof wirklich groß. Aus allen Winkeln Lapplands kommen hier die Linien an.

Die ursprüngliche Stadt liegt 7 km weiter im Innenland und ist heute als Gammelstad ein sehenswertes UNSESCO Weltkulturerbe. Der Stadtkern von Luleå liegt auf einer Halbinsel, die sich schnell umrunden lässt. Wenn man nicht als BibliotheksWesen an der Bibliothek vorbeikommt…

Man könnte sich ja an solche Dimensionen gewöhnen, aber wenn eine Stadt mit unter 50.000 Einwohnern solche Bibliotheken für die Öffentlichkeit bereitstellt, dann findet sich in Deutschland dazu kein Vergleich – nicht einmal in Baden-Württemberg. Die Bibliothek ist in Luleå integriert im Kulturhaus.

Draußen stand dann noch der Bücherbus, der über ein in Schweden seltenes Wunschkennzeichen verfügt: „BOKBUSS“

Neben etwas Erholung vom Stadtbummel fand ich dann auch etwas um die ganzen Souvenirs zu verstauen. Für umgerechnet 3.- schleppe ich nun eine sehr stabile schwedische Bibliothekstasche durch Salzgitter.

WP_20160808_21_42_47_ProScG – Gerald Schleiwies

Die Bibliothek, die in der Kälte liegt

In der letzten Woche hatte ich versprochen, der „Stadbibliotek Kiruna“ einen Besuch abzustatten. Doch was will man touristisch überhaupt in einer Gegend 200 km nördlich des Polarkreises, die aktuell einen Temperaturdurchschnitt von minus 10 Grad anbietet:

  • Malmabanan (Schweden) bzw. die Ofotbanen (Norwegen) ist bereits der Tipp für die Anreise. Eine der schönsten und spektakulärsten Bahnen dieses Kontinents. Allerdings nur mit zwei Personenzügen je Tag und Richtung. Ansonsten fahren hier bis zu 700 m lange Erzzüge, gezogen von den mit 12500 PS stärksten Loks der Welt.
  • das Eishotel in Jukkasjärvi wird jedes Jahr aufs Neue aufgebaut und kann auch nur besichtigt werden.
  • Die Aurora Sky Station bietet eine der besten Möglichkeiten in Europa Polarlichter zu schauen. Möglich wird das durch das Wolkenloch von Abisko, das durch den 75 km langen und im Winter monatelang komplett zugefrorene See Torneträsk begünstigt wird.
  • Absiko ist damit der trockenste Ort in Schweden und eine Reise wert. Hier liegt gleich nebenan der gleichnamige älteste Nationalpark Schwedens. In den 85 Seelen Ort liegt zudem der einzige Supermarkt in einem Umkreis von 50 km. Von hier startet man mit z.B. mit Schneesootern oder Hundeschlitten in die atemberaubende Natur der Gegend. Auch Offpistski kann betrieben werden und Eisfischen auf dem See ist hier Volkssport.
  • oder man steigt in den Kungsleden, dem wohl schönsten Wanderweg Schwedens. Im März ist Hochsaison bei Wanderern und die Hütten sind geöffnet. Auch der Kebnekaise, der mit 2.111 m höchste Berg Schwedens liegt im Gebiet der Kiruna Kommun.

Um nicht einen der täglich vier Flüge nach Stockholm zu verpassen habe ich ein Hotel in der Innenstadt von Kiruna gewählt, rein zufällig fußläufig zur Bibliothek gelegen. Alle Bilder sind vom 7.3.2016.

_1040233Schnee liegt ca. 5 Monate im Jahr und man lässt ihn einfach dort liegen wo er fällt. Senioren mit Rollatoren kommen da nicht weit, weswegen die älteren Herrschaften zu dieser Jahreszeit mit kleinen Schlitten unterwegs sind. Dafür gibt es sogar Verkehrszeichen.

_1040234Die Bibliothek sieht von außen nicht besonders aus. Man ist in ein einfaches Ladengeschäft eingemietet. Allerdings gehören das erste Stockwerk und der Keller voll ausgebaut noch dazu. Bis vor wenigen Jahren fand man die Stadtbibliothek noch in der Bibliotheksgatan – von denen ich in Schweden schon einige gesehen haben.

_1040238Die Öffnungszeiten unterscheiden sich stark zwischen Sommer und Winter. Immerhin bietet man in der Woche gerade 44 Öffnungsstunden an. Zum Vergleich, in Salzgitter hat die größte Zweigstelle aktuell 40 Stunden geöffnet. Auch interessant ist das Sprachcafé, wo man „neue Freunde“ trifft und Schwedisch lernt. Das Wort Migration oder Flüchtling habe ich in der Bibliothek nicht gesehen.

_1040239Innen erwartet einen schwedische Sachlichkeit. Aufgrund der Lage bietet man auch Literatur in Finnisch und Sapmi an – Kiruna liegt in Lappland. Das indigene Volk der Sami ist hier zu Hause und pflegt seine Brauchtümer.

_1040240Gemütliche Leseecken sind überall zu finden. Bereits morgens um 10 Uhr war einiges los, was ich auf den Bildern jedoch nicht zeigen kann.

_1040242Man hat Platz und Raum und im Erdgeschoß sind alle Regale auf Rollen um für größere Veranstaltungen Platz zu machen. Bisher sieht das alles noch einer ganz normalen Bibliothek aus. Diese wird in wenigen Jahren wiederum umziehen, den Kiruna wird wegen der Erzmine um drei Kilometer verlegt und völlig neu gebaut, wie man auch im Spiegel nachlesen kann.

_1040243Die Zeitschriftenwand hat mich als für diesen Bereich zuständiger Lektor schon beeindruckt. Eine große Auswahl – doch dazu später mehr. Kaffeeautomaten standen im jedem Stockwerk – ohne Kaffee und Fika (Kaffeepause) geht hier oben in Schweden nicht viel.

_1040235Doch ich musste noch mal schnell raus, denn der Bücherbus stand noch vor der Tür. Ein bunt designtes Teil. Die vielen Vorderlichter sind hier oben in Schweden beinah obligatorisch. Bis auf die beiden Europastraßen werden die Wege nicht geräumt und Salz ist komplett unbekannt. Zudem ist es im Dezember 20 Tage lang stockfinster – die Sonne sieht man dann nicht.

_1040236Von der anderen Seite gibt es ein großes Glasfenster, das ich leider nicht fotografieren konnte, weil der Bus so nah am Haus stand. Die Standzeiten des Busses im Gemeindegebiet findet man hier: https://www.bibblo.se/bibliotek/kiruna_bokbuss

Der Fahrer Anders (in Schweden duzt man sich) hat mich noch einmal hereingelassen. Danke noch einmal dafür.

_1040244Wenn der Bus in den Orten hält wird hier auch vorgelesen und gespielt. Allein 5 CD Abhörstationen sind in diesem Bild zu finden. Das Ziel an diesem Tag war Karesuando und am Ende des Tages wird der Bus 240 km unterwegs gewesen sein.

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Das macht noch einmal die Größenverhältnisse dieser Gemeinde deutlich. Links grenzt Kiruna an Norwegen, oben an Finnland. Kiruna Stadt hat 18.150 Einwohner, die ganze Gemeinde 23.400 Einwohner. Kiruna Kommun ist 19.731 km² groß. Zum Vergleich, das Bundesland Sachsen ist 18.420 km² groß und Rheinland-Pfalz kommt auf 19.854 km². Eine Gemeinde so groß wie ein Bundesland mit einer Einwohnerzahl im Kleinstadtformat. Die in Deutschland flächenmäßig große Stadt Salzgitter braucht mit ihren 224 km² gar nicht erwähnt werden.

Vor diesem Hintergrund ist eine dreistöckige Bibliothek mit 44 Öffnungsstunden und Bücherbus einfach eine andere Dimension. Von der Zeitschriftenwand einmal ganz zu schweigen.

_1040245ScG – Gerald Schleiwies

Öffentliche Bibliotheken in Schwedisch Lappland

Salzgitter hat fast 224 km² und um die 100.000 Einwohner. Das sind etwa 440 Einwohner pro km². Eine der öffentlichen Bibliotheken ist da nicht weit.

Aber wie sieht Bibliotheksarbeit bei 105.000 km² Fläche und 250.000 Einwohner aus? Das sind nur 2 Einwohner pro km².

Für die Antwort müssen wir kurz in den Norden. Ja, ganz weit in den Norden, nach „Norrbottens län“, der nördlichsten Provinz Schwedens. 14 Gemeinden gibt es in dem Gebiet, was wir zumeist unter Lappland kennen. Allein die Gemeinde Kiruna mit ihren 23.200 Einwohner ist nur wenig kleiner als Hessen – das ist mehr als 7 mal das Saarland um es in deutschen Vergleichswerten zu umschreiben. Zudem tummeln sich die Einwohner in wenigen größeren Orten, wobei die größte Stadt Luleå gerade so viele Einwohner wie Lebenstedt hat.

Um es kurz zu machen: Die Bibliotheksseite für die Provinz Norrbotton (https://www.bibblo.se/library) listet 46 Bibliotheken und Bücherbusse auf, die sich auf dieser Seite auch mit einer gemeinsamen E-Buch Ausleihe  mit über 5.850 Titeln präsentieren. Ein weiterer Blick lohnt auf die eigene Kinderseite „Polarbibblo“ – die es jedoch nur auf Schwedisch gibt. Auf gut 5.400 Einwohner kommt statistisch eine Bibliothek. In Deutschland wäre eine solche Bibliothek für diese Einwohnerzahl zumeist ehrenamtlich geführt, wenn es denn überhaupt eine gäbe. Schauen wir uns doch mal so eine durchschnittliche Bibliothek an. Ziemlich nah am Durchschnitt ist die Gemeinde Jokkmokk (ca. 5.100 Einwohner) – zugleich indirekt die „Hauptstadt“ der samischen Bevölkerung. Jokkmokk ist von der Fläche her übrigens etwas kleiner als Sachsen (das ist etwas weniger als 7 mal das Saarland) – der Ort selbst hat nur gut 2.800 Einwohner.

Eine erste Information gibt es hier:

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Man ist also barrierefrei incl. Behindertentoilette, kann Gebärdensprache, hat Daisy-Hörbücher für Blinde im Bestand und bietet aktuell 15 Öffnungsstunden in der Woche an. Zuständig ist „Bibliotekschef“ Kristina Holmgren. Ein paar Bilder finden sich hier. Und das ist nicht die einzige Bibliothek des Ortes, denn das Samenmuseum hat ebenfalls noch eine eigene Bibliothek.

Eine Einwohnerin Jokkmokks ist übrigens die Deutsche Hiltrud Baier, die Lappland-Krimis unter dem Pseudonym „Klara Nordin“ bei Kiepenheuer & Witsch verlegt. Ihr erster Buch „Totenleuchten“ findet sich auch im Bestand der Stadtbibliothek Salzgitter, das nächste Buch erscheint im September 2015. Mehr über die Autorin findet man u.a. in diesem Bericht von Radio Schweden auf Deutsch.

Totenleuchten

Septemberschuld

Jokkmokk hat nicht nur hauptamtliche Bibliotheken, einen bekannten Wintermarkt und eigene Regionalkrimis, sondern liegt zudem am Nationalpark „Laponia“ und verfügt über einige gute Restaurants mit sehr leckeren heimischen Spezialitäten. Da kann man es gut ein paar Tage aushalten.

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Womit bewiesen wäre: Jokkmokk (hier der Bahnhof) gibt es wirklich, nicht nur als Möbel von IKEA. In der Nähe liegt auch noch Kvikkjokk…

WP_20150714_018Dieser Zug bremst zwar für Rentiere auf der Strecke, hält am Restaurant „Fjällglimten“ jedoch auch für Rentier-Burger.

ScG – Gerald Schleiwies

Warum BibliotheksWesen im Urlaub Bibliotheken besuchen

Urlaub!

Endlich mal abschalten!

„Handy aus!“ oder „Vom Luxus nicht erreichbar zu sein.“ titelten viele Zeitungen die letzten Wochen. Urlaub ist Urlaub, da soll man nicht an die Arbeit denken.

Doch die sozialen Medien zeigen eine ganz andere Seite. Besonders das BibliotheksWesen, also die kleinstmögliche Einheit die Gesamtheit aller in einer Bibliothek Beschäftigten, ist stark von Rückfällen bedroht. Es reicht zumeist im Urlaub auf eine Bibliothek zu stoßen. Dann ist es vorbei mit abschalten.

Eine Kollegin aus Schleswig-Holstein verirrt sich in Österreich rein zufällig in die Stiftbibliothek des Kloster Admont, ein anderer Kollege bewundert in Dänemark die Kinderwagenparkplätze der Öffentlichen Bibliothek und in den Blogs der KollegInnen finden sich weitere Berichte wie man im Urlaub wie selbstverständlich erst einmal andere Bibliotheken besichtigt. Ein Düsseldorfer Kollege bezeichnet sich gar als „Bibliothekstourist“.

Tja, ich bin kein bisschen besser. Neulich am Ende der (Eisenbahn)welt im norwegischen Narvik, weit nördlich des Polarkreises, war es wieder soweit. Der Zug blieb mit Oberleitungsschaden bereits vor der Einfahrt in den Bahnhof hängen. Verspätung mindestens drei Stunden. Also die Zeit nutzen mal durch die 18.000 Einwohner große Stadt zu gehen. Das dauert nicht lange. Es gibt zwei kleine Shoppingcenter und eine Hauptstraße. Mit Bibliothek !

WP_20150720_001Also schnell hinein und mal gucken. Leider fiel ich gleich etwas unangenehm auf mit einem 12 Kilo Rucksack auf dem Rücken zwischen engen Regalen. Aber nach einem kurzen Outing als BibliotheksWesen kamen wir kurz und sehr fröhlich ins Gespräch. Zum Beispiel über die Sommeröffnungszeiten.

WP_20150720_002 Im Sommer, der nur kurz und extrem lange hell ist hat man anderes zu tun als in die Bibliothek zu gehen. Die Winteröffnungszeiten sind dafür umso länger. Seine Medien kann man aber jederzeit hier zurückgeben:

WP_20150720_003Ja, das wünsche ich mir für Salzgitter auch schon seit längerem. Aber man braucht ja auch noch Ziele. 😉

Irgendwann fuhr der Zug dann doch. 1.600 km mit dem Nachtzug nach Stockholm. Zudem kam er trotz der Anfangsverspätung pünktlich an. Was also machen mit den 7 Stunden Puffer in Stockholm? Die Gamlastan, die Altstadt von Stockholm, überlaufen von deutschen und japanischen Touristengruppen? Shopping in der Drogninggatan, der Haupteinkaufsstraße? Och, nee.

Aber eine Bibliothek könnte man doch besuchen. Einfach die Drogninggatan bis zum Ende hochlaufen, um den Sternwartenberg herum und schon erwartet einen ein bibliothekstouristisches Highlight – die zentrale Stadtbibliothek Stockholm.

WP_20150721_008Oh, ich war nicht der einzige Fototourist in dem Architekturwerk von Gunnar Asplund.

Auch im zweiten Gang zeigte sich die Poesie des Gebäudes und die Verschmelzung mit dem Bestand.

WP_20150721_005Übrigens, ähnlich wie in Norwegen läuft auch in Schweden im Juli nicht viel. Die Stockholmer Einwohner überlassen den Touristen gern ihre Stadt und befinden sich ansonsten auf dem Land oder im Schärengarten im Urlaub. Die Öffnungszeiten sind entsprechend angepasst und es war nur wenig los:

WP_20150721_004Völlig verweist war die Kinderbibliothek. Wie der Kollege schon in Dänemark beobachtet hat, gibt es scheinbar überall Kinderwagenparkplätze – die Idee hatte ich in Salzgitter Bad zwar auch, dort steht aber nun ein Rollator…

WP_20150721_009In Schwedisch und Englisch liegen zudem Flyer aus über die architektonische Idee des Hauses. Sie lässt sich auch in der Wikipedia in Deutsch nachlesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Stadtbibliothek_Stockholm

Und dann war da ja noch die eine kleine Idee, die es demnächst auch bei uns geben könnte:

IMG_20150806_140108 IMG_20150806_140230Die praktische „Frag Deine Bibliothek“- Karte für die Hosentasche. Leider war da noch so vieles andere interessant. Das WLan ist kostenlos, aber die Toilette kostet 5 Kronen (ca. 0,50 Cent) – in Deutschland ist es eher andersherum. Und in der internationalen Bibliothek nebenan konnte ich in „Die Zeit“ lesen, das man doch einfach mal nicht erreichbar sein sollte.

Das ist gar nicht so einfach in einem Land wo ich das Auslandsdatenflatpaket meines Anbieters vor dauerndem kostenlosem WLan nicht mal buchen konnte. Doch in Schweden gibt es auch die Orte ohne Handy, WLan und Internet – dafür mit Berglemmingen, Rentieren und Elchen. Aber das, das ist eine ganz andere Geschichte.

Doch warum besuchen BibliothekWesen im Urlaub denn nun andere Bibliotheken? Bildungsurlaub gibt es dafür nicht. Nein, aber es macht einfach unglaublich viel Spaß und man entdeckt immer etwas Neues.

ScG – Gerald Schleiwies